Lidl steht erneut in der Kritik

Neckarsulm - Wieder steht Lidl am Pranger. Frank-Michael Mros, der Deutschland-Chef des Neckarsulmer Lebensmittel-Einzelhändlers, hat die Vorwürfe eingeräumt, die der „Spiegel“ in seiner heutigen Ausgabe macht: Der Discounter, der ziemlich genau vor einem Jahr wegen der Videoüberwachung seiner Mitarbeiter in die Schlagzeilen geraten war, hat bis vor wenigen Monaten Krankenakten über seine Beschäftigten geführt.

Von Manfred Stockburger

Neckarsulm - Wieder steht Lidl am Pranger. Frank-Michael Mros, der Deutschland-Chef des Neckarsulmer Lebensmittel-Einzelhändlers, hat die Vorwürfe eingeräumt, die der „Spiegel“ in seiner heutigen Ausgabe macht: Der Discounter, der ziemlich genau vor einem Jahr wegen der Videoüberwachung seiner Mitarbeiter in die Schlagzeilen geraten war, hat bis vor wenigen Monaten Krankenakten über seine Beschäftigten geführt.

Systematisch wurden Befunde einzelner Mitarbeiter protokolliert. Von Grippe, Rückenleiden und Bluthochdruck bis zu Klinikaufenthalten, künstlichen Befruchtungen und privaten Problemen reichen dem „Spiegel“ zufolge die Angaben in den Formularen. Die Listen waren Teil eines mysteriösen Aktenfunds in einem Bochumer Mülleimer.

Eingestellt

Die ausführlichen Krankenstandslisten waren „nicht datenschutzkonform“, heißt es in einer Lidl-Stellungnahme vom Wochenende. „Dabei wurden Informationen erfasst, die persönliche Belange berücksichtigten.“ Im Zuge der Umsetzung des vom ehemaligen Bundesdatenschutzbeauftragten Joachim Jacob ausgearbeiteten Datenschutzkonzepts sei noch im Dezember die Arbeit mit den Listen eingestellt worden.

Nach Informationen der Heilbronner Stimme hatte die Zentrale zudem angeordnet, dass die vorhandenen Listen vernichtet werden mussten. An den ersten Teil der Anweisung hat sich der Verkaufsleiter, dessen Akten in Bochum gefunden wurden, offenbar gehalten. Jüngeren Datums sind lediglich andere Papiere, etwa eine Liste mit Minijobbern, die über der Gehaltsgrenze lagen.

„Die Sachverhalte beziehen sich auf Altfälle aus dem vergangenen Jahr“, betont Lidl: „Die genannten Unterlagen wurden durch einen Mitarbeiter unsachgemäß entsorgt und dem Spiegel zugeleitet.“ Nach Stimme-Informationen hat der für die Akten verantwortliche Manager inzwischen eine fristlose Kündigung erhalten.

Datenschutzexperte Jacob hat durchgesetzt, dass die Listen nicht mehr verwendet werden. Was hat Lidl aber bis dahin mit den Daten gemacht? Die Listen wurden dafür genutzt, das Personal „richtig“ und dem „gesundheitlichen Zustand entsprechend“ einzusetzen, heißt es.

Berater Jacob hat den Glauben an Lidl offenbar nicht verloren, obwohl er zumindest einen guten Ruf zu verlieren hat. Lidl arbeite seit April 2008 konsequent an einem ganzheitliches Datenschutzkonzept. Dass das nicht von heute auf morgen geht, erklärt er mit der Größe der Unternehmens: „Über 3000 Filialen und 34 Regionalgesellschaften sind in diesen Prozess eingebunden – das nimmt zwangsläufig Zeit in Anspruch.“

Im Gespräch mit der Heilbronner Stimme hatte Jacob im September angekündigt, sich nicht nur um Videoüberwachung kümmern zu wollen, sondern auch um den Umgang mit allen Daten von Mitarbeitern und Kunden. „Da haben wir noch einiges zu tun“, sagte er damals. Und: „Ich habe festgestellt, dass die Geschäftsleitung voll dahintersteht, dass solche Fehler in Zukunft nicht mehr gemacht werden.“

Hochsensibel

Beim Vorstand ist das Thema angekommen. Holger Albrecht, zuständig für Verwaltung und Personal, hatte erst erklärt, dass Lidl den Datenschutz in alle 24 Landesgesellschaften trage, obwohl Probleme nur in Deutschland aufgetaucht seien. Kritik an den Listen kam bereits von vielen Seiten. Bundesdatenschutzbeauftragter Peter Schaar sagte: „Dass jemand sich einer Operation unterzogen hat oder beim Psychologen war, das sind alles hochsensible Daten. Solche Daten dürfen nur erfasst werden, wenn es dafür einen Grund gibt.“

In der Region meldete sich Verdi-Chefin Marianne Kugler-Wendt zu Wort. „Die Mitarbeiter haben ein Recht darauf, endlich fair wie Arbeitnehmer behandelt zu werden. Lidl hat zum wiederholten Male gegen elementare Grundrechte verstoßen, das sollte niemand länger hinnehmen.“ Vor allem die Geschäftsleitung solle den Worten „überzeugende Taten“ folgen lassen.