Mit Druck zu mehr Leistung?

Region  Kompressionsstrümpfe sind bei Profi- und Freizeitsportlern beliebt . Ein Arzt und ein Athlet bewerten den möglichen Nutzen.

Von Valerie Blass

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Fabian Eberhard (33) bezeichnet sich selbst als „ambitionierten Freizeitsportler“. Der frühere Triathlet startet heute vor allem bei Swim-Run-Wettkämpfen. Foto: privat

Vor allem für Läufer oder Triathleten sind sie inzwischen fast so wichtig wie der passende Schuh: Kompressionsstrümpfe. In schrillen Farben peppen sie ein Outfit auf, sorgen im Winter für warme Waden oder einfach ein angenehm stabiles Gefühl beim Training oder im Wettkampf. Doch wirkt sich das Tragen von Kompressions- oder Laufstrümpfen auch messbar auf die Leistung und die Regenerationsfähigkeit von Sportlern aus? Ein paar Strümpfe aus dem Fachhandel sind ja durchaus eine kostspielige Investition.

 Als Therapiemittel längst etabliert

"Es gibt bislang tatsächlich wenige Studien zur Auswirkung von Kompression im Sport", sagt der Neckarsulmer Orthopäde und Unfallchirurg Boris Brand, der sich im Rahmen eines Fachkongresses intensiv mit dem Thema befasst hat. Als medizinisches Therapiemittel − etwa zur Thromboseprophylaxe − sei Kompression schon lange etabliert. Seit etwas mehr als zehn Jahren experimentiere man auch im Profi- und Breitensport damit, sagt der Mediziner. Dabei gehe es hauptsächlich um drei Bereiche:

Die Verbesserung des Blutflusses zurück zum Herzen. Im Laufe des Lebens können die Venenklappen ausleiern − sie sind so etwas wie Rückschlagventile, die dafür sorgen, dass das Blut über die Beinvenen zurück zum Herzen fließt. Wenn sie nicht mehr richtig arbeiten, kann Druck von außen auf die Venen helfen, dass das Blut zum Herzen hin gepresst wird, anstatt in die Beine zu sacken. Viele Ärzte im OP tragen deshalb bei langen Operationen auch Kompressionsstrümpfe. Möglicher Gewinn für Sportler: Die Beine fühlen sich "frischer" und nicht so schwer an, wenn es nach einem langen Arbeitstag ans Training geht.

Die Reduktion von Muskelschwingungen. "Man will nicht, dass der Muskel schwingt", sagt Brand, "denn das verbraucht unnötige Energie." Dieser physikalische Effekt könne durch komprimierende Bekleidung eingedämmt werden.

Auch die Erwärmung der Muskulatur ist erwünscht. Denn damit steigt die Reaktionsgeschwindigkeit. "Deshalb machen sich Sportler vor einem Spiel auch warm", so Brand. Zudem könne Kompression − zum Beispiel auch in Form von Bandagen für das Knie − das Bewegungssystem unterstützen. Man tue sich dann leichter mit gewissen schnellen Bewegungen. "Viele Leute empfinden das als gut."

Wäsche kann auch unter dem Anzug getragen werden

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Dr. Boris Brand (53) ist Orthopäde und Unfallchirurg in Neckarsulm. Foto: Archiv/Mugler

Fabian Eberhard, 33, setzt seit Langem auf Kompressionswäsche. Und das nicht nur während seiner Wettkämpfe im Swim-Run − einer Art Marathon in den beiden Disziplinen Schwimmen und Laufen. "Ich habe die Veranlagung zu Wassereinlagerungen in den Beinen", sagt er, "und da merke ich eine extreme Verbesserung, wenn ich auch im Alltag Strümpfe an habe." Der Wirtschaftsingenieur trägt sie unter dem Anzug, wenn er lange Autofahren muss oder Messebesuche absolviert und weiß, er wird den ganzen Tag stehen.

"Die Strümpfe sind angenehm, und es gibt sie auch in Farben, die man gut zum Anzug tragen kann", sagt er. Im Sommer setzt er manchmal auf Modelle ohne Fuß, kombiniert mit langen Hosen und Flip-Flops. Oder − gerade bei Flugreisen − auf Strümpfe bis hoch zum Oberschenkel. Die Verbesserung für ihn: "Ich habe das Gefühl, dass dadurch meine Beine frischer bleiben und die Muskulatur stabiler ist." Und nach einem langen Arbeitstag fühle er sich so insgesamt frischer, wenn es abends ans Trainieren gehe. Im Training selbst verzichtet Eberhard hingegen meistens auf Kompressionssocken. "Das hat optische Gründe", sagt er. "Ich finde das nicht so hübsch."

Mehrere angenehme Nebeneffekte

Beim Marathon oder Swim-Run hingegen sind Strümpfe für ihn ein Muss. "Ich habe das Gefühl, dass es da weniger Krämpfe gibt." Beim Swim-Run sei die wärmende Wirkung wichtig − außerdem könne man sich noch Styropor oder andere Hilfsmittel in die Strümpfe stopfen. Angenehmer Nebeneffekt: Die Wasserlage beim Schwimmen wird dadurch besser.

Auch nach einem harten Training oder Wettkampf setzt er auf seine Socken. Oder beim Skitouren-Gehen. "Da hat man viel Reibung am Schuh. Wenn man enge Socken trägt, bekommt man weniger Blasen und schmerzende Stellen."

Das Fazit von Eberhard: "In der Ausdauerszene hat fast jeder Kompressionswäsche im Einsatz. Ich kenne jedenfalls niemanden, der keine hat." Das sei längst kein Trend mehr, sondern habe sich etabliert.

Positive Wirkung, die nicht genau messbar ist

Es gilt zwar grundsätzlich als erwiesen, dass sich physikalische Effekte wie verminderte Muskelschwingungen oder ein besserer Blutfluss in den Venen auch positiv für Sportler auswirken. In welchem Umfang ist jedoch bislang nicht eindeutig belegbar.

Boris Brand, der mehrere hochklassige Sport-Teams medizinisch betreut, ist jedenfalls für eine pragmatische Herangehensweise an das Thema Kompression im Sport. "Eins steht fest", sagt er, "ein Risiko scheint es nicht zu geben." Es gebe vielmehr schon deutliche Hinweise, dass Kompression gerade für die Erholung nach Wettkampf und Training eine positive Wirkung habe − auch wenn man diese nicht genau messen könne.

Deshalb rät er Sportlern zu experimentieren. "Das hat auch viel mit persönlichem Gusto zu tun. Sich wohlfühlen und die Psyche spielen im Sport eine große Rolle." Und für Brand steht fest: "Wenn ein Sportler sich wohlfühlt, kann er auch bessere Leistung bringen."

 

Zur Person

Dr. Boris Brand (53) ist Orthopäde und Unfallchirurg in Neckarsulm. Der frühere Leistungssportler betreut mehrere Sportteams als Mannschaftsarzt.