Messerattacke in Heilbronn: Fremdenhass als Tatmotiv

Heilbronn  Zwei Tage nach einer Messerattacke vor der Kilianskirche gehen die Ermittler von einem fremdenfeindlichen Tatmotiv aus. Ein 70-jähriger Tatverdächtiger hat am Samstagabend auf drei Flüchtlinge eingestochen und einen davon schwer verletzt.

Von unserer Redaktion und dpa

 

Schauplatz war die Kaiserstraße, unmittelbar vor der Kilianskirche. „Der Tatverdächtige ist bislang nicht in Erscheinung getreten“, sagte Rainer Köller, Pressesprecher der Polizei Heilbronn gegenüber Stimme.de. Gegen den 70-Jährigen werde wegen gefährliche Körperverletzung ermittelt. „Eine Aussage des Tatverdächtigen liegt noch nicht vor. Auch etliche Zeugen müssen noch vernommen werden.“ Die Vernehmungen seien für die kommenden Tage geplant.

Staatsanwaltschaft und Polizei Heilbronn gehen von einem fremdenfeindlichen Tatmotiv aus. Der Verdächtige habe mit seiner Aktion ein Zeichen gegen die aktuelle Flüchtlingspolitik setzen wollen, heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung der Behörden vom Montag.

Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft sagte, gegen den Tatverdächtigen wird momentan wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt und nicht wegen eines versuchten Tötungsdeliktes. Flucht- oder etwa Wiederholungsgefahr - also Gründe für einen Haftbefehl, lagen demnach zunächst nicht vor.

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Wer den stark alkoholisierten Angreifer überwältigte, ist derzeit laut Polizei nicht bekannt. Mehrere Streifen der Schutz- und Kriminalpolizei seien innerhalb weniger Minuten vor Ort gewesen, sagte Köller. Die Verletzten seien versorgt worden. Ihr Gesundheitszustand sei stabil. 

Ersten Ermittlungen zufolge, hatte der Senior ohne Vorwarnung ein Messer gezogen und auf die Männer eingestochen, die zusammen vor der Kilianskirche standen. Entgegen früheren Angaben der Polizei handelt es sich bei dem Schwerverletzten um einen 17 Jahre alten Afghanen. Einen 25-jährigen Iraker und einen 19-jährigen Syrer verletzte der Angreifer leicht.

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Der 70-Jährige, der die russische und die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, sei polizeilich bisher nicht in Erscheinung getreten, hieß es. Nach der vorläufigen Festnahme sei der Mann wieder auf freiem Fuß. Passanten hatten ihn nach dem Angriff festgehalten, bis die Polizei kam. Im Handgemenge wurde der 70-Jährige leicht verletzt.

OB Mergel verurteilt die Tat

„Ich bin zuallererst tief bestürzt über diese abscheuliche Tat und im Gedanken bei den Verletzten. Ich hoffe, es gibt keine bleibenden Schäden“, erklärte Heilbronns OB Harry Mergel (SPD). „Ich appelliere auch weiterhin an einen besonnenen, verantwortungsvollen und von Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft geprägten Umgang mit den Flüchtlingen.“

Harry Mergel nimmt den Vorfall aber auch zum Anlass, um für Vertrauen in die Arbeit der Polizei zu werben: „Ich teile deren Einschätzung, dass es keinen objektiven Grund dafür gibt, mit Angst in die Heilbronner Innenstadt zu gehen.“


Kommentar von Hans-Jürgen Deglow: Erschreckend

Die Frage des Motivs. Es gibt nun eine Antwort, und es ist eine erschreckende. Mit seinem Angriff habe der Messerstecher ein Zeichen gegen die aktuelle Flüchtlingspolitik setzen wollen. Wir erinnern uns: Auch der Mann, der 2015 auf die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker einstach, wollte ein "Zeichen" gegen die Flüchtlingspolitik setzen.

Während der Attentäter von Heilbronn auf freiem Fuß ist, gab es übrigens in Köln keine Entlassung in die Freiheit. Eine Frage der Rechtsauffassung? Die Behörden müssen uns Antworten geben. Kurz nach dem Angriff auf Reker wurde eine Menschenkette gebildet. Motto: "Demokraten gegen Gewalt". Wann gehen endlich wieder Demokraten auf die Straße, um ein − friedliches − Zeichen zu setzen?

Die Frage der Nationalität. Wann ist sie wichtig, wann ist sie als Information entbehrlich? Der Pressekodex verpflichtet Journalisten dazu, mit der Nennung einer Nationalität sorgfältig umzugehen. In den Fokus rückte die Frage 2016 verstärkt, nachdem die Kölner Polizei angewiesen worden war, den Bericht über die Silvesternacht zu verändern. Die Tatsache, dass es sich bei den Tätern vorwiegend um Ausländer handelte, wurde gestrichen. Erst Recherchen der Presse vor Ort machten das tatsächliche Ausmaß der Vorfälle deutlich.

Hier nun ein umgekehrter Fall: Laut Polizeibericht stach ein "Russe" auf Flüchtlinge ein. Erst auf Nachfragen dieser Zeitung wurde eingeräumt, dass der Mann auch die deutsche Staatsangehörigkeit hat. Warum diese Desinformation? Sollte da ein Schema bedient werden, russische Mitbürger verunglimpft werden, verschwiegen werden, dass ein Deutscher mit Wohnsitz in Heilbronn auf geflüchtete Menschen einsticht? Eine Manipulation dieser Art von Behörden-Seite aus sollte sich spätestens seit dem Kölner Fake-News-Skandal verbieten und deutliche Konsequenzen haben.