Teurer Reinfall mit Lehman-Papier

Von Siegfried Lambert

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Region - Bei Ulrich Gass hat das Telefon in letzter Zeit noch häufiger geklingelt als sonst. Der Heilbronner Anwalt ist der Vertreter der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) in Süddeutschland. Dass die Pleite der amerikanischen Lehman Brothers Bank auch Opfer im Unterland hinterlassen muss, das war ihm von Anfang an klar.

„Ich habe zurzeit acht Mandanten, die von unterschiedlichen Banken im Heilbronner Raum Lehman-Papiere erworben haben“, sagt Gass, ohne ins Detail zu gehen. „Bei bislang allein 1500 bundesweit Betroffenen, die sich bei der DSW gemeldet haben, rechne ich damit, dass ich 80 bis 100 Fälle aus unserer Region erhalten werde.“

Großschaden

Die meisten Anleger haben mehrere zehntausend Euro verloren. „Mir ist allerdings auch ein Fall bekannt, bei dem der Schaden stolze 770.000 Euro beträgt“, sagt der Rechtsanwalt ruhig.

So viel hat Richard N. (Name geändert) gottlob nicht verloren. Der 77-Jährige aus einer Landkreisgemeinde ist alles andere als ein Prozentefuchs. „Aktienhandel macht mir keinen Spaß“, schüttelt der rüstige Senior den Kopf. „Ich habe andere Interessen.“ Er hat bei seinen Finanzen immer auf professionelle Hilfe gesetzt, allerdings nicht immer mit viel Glück. Mit dem Vertrauen auf Finanzexperten hat er jetzt zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre Schiffbruch erlitten.

Kontrolle

Alles begann Ende Februar mit einem Termin bei seiner Hausbank. „Meine Frau und ich wollten uns von Fachleuten beraten lassen“, sagt der ehemalige leitende Angestellte rückblickend. Die finanziellen Reserven im Alter sollten noch einmal überprüft werden.

Ihr Depot sah zu der Zeit so aus wie bei Tausenden anderen vorsichtigen Anlegern: Wertpapiere, festverzinsliche Anlagen, nur wenige Aktien. Nichts Aufregendes, nichts Riskantes darunter. „Es sollte einfach einmal jemand nachsehen, der sich auskennt“, erzählt Richard N. Zu dieser Zeit war er von seiner Bankberaterin noch überzeugt. „Sie zeigte Biss, machte von allen noch den wachesten Eindruck“, sagt Richard N. heute mit milder Ironie.

Es folgt eine „Beratung auf der Grundlage der Hausmeinung“, wie es in der späteren Vereinbarung heißt, die Richard N. unterschreibt und die unserer Zeitung vorliegt.

Die „aufgeweckte Mitarbeiterin“ schlägt im Gespräch vor, einen Teil des Depots umzuschichten, um mehr Zinsen herauszuholen. Richard N. trennt sich nach kurzem Überlegen von Papieren eines Festgeld-Fonds, die vier Prozent bringen. Er steigt auf drei sogenannte Cobold-Anleihen um, die ihm empfohlen werden - insgesamt 75 000 Euro, fünf Prozent Rendite. Was er nicht weiß: Eine davon ist ein Lehman-Papier. „Man hat mir das nicht gesagt; einen Prospekt gab es ebenfalls nicht.“

Schwarz auf Weiß

Erst als dieses Papier innerhalb kurzer Zeit um 20 Prozent an Wert verliert, wird Richard N. unruhig. Er ruft die Wertpapierabteilung seiner Bank an. „Ich fragte: Was ist denn da los?“ In dem Gespräch, sagt er, habe er erstmals von den Risiken des Kaufs erfahren. „Die fragten mich tatsächlich: Ja, hat man Ihnen das denn nicht gesagt?“, ärgert sich Richard N. noch heute.

Anfang Oktober hält er dann einen niederschmetternden Depot-Auszug in seinen Händen. Das eine Cobold-Papier, hinter dem die amerikanische Lehman-Bank steckt, sackt von 25.000 Euro um 22.050 Euro ab. Es ist damit auf einen Schlag nur noch 2950 Euro wert.

Kurz darauf meldet sich seine Beraterin mit schlechtem Gewissen am Telefon. „Die sagte: Es tut mir Leid, ich habe das nicht gewusst und schlug ein Gespräch mit dem Vorstand vor." Richard N. lehnt ab. „Was soll ein Gespräch, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist?“ Als die US-Regierung kurz darauf Lehman Brothers nicht stützt, sondern in die Pleite entlässt, ist die letzte Hoffnung von Richard N. verraucht. „Statt wie andere bedrückt herumzusitzen, werde ich in solchen Situationen zornig.“ Er geht zum Anwalt.

Richard N. hofft jetzt auf eine außergerichtliche Einigung mit seiner Bank. Wenn das nicht klappt, vertraut er darauf, dass seine Rechtsschutzversicherung den Fall übernimmt. Denn schon die Prozesskosten-Risiken für die erste Gerichtsinstanz sind kein Pappenstiel. Sie liegen bei rund 5000 Euro, wenn der Prozess verloren geht.

Klare Vorgaben

Das alles hat er schon einmal durchgemacht. Sein erster Rechtsstreit mit einer Bank liegt sieben Jahre zurück. Auch damals ging es „um die Misshandlung des Depots“, wie sein Anwalt den Rechtsstreit drastisch nennt. Er füllt drei Ordner. Richard N. hatte eine renommierte Frankfurter Bank mit der Depotverwaltung beauftragt. Dabei war er der felsenfesten Ansicht, auf der sicheren Seite zu sein. Mit einer sogenannten Stop-Loss-Vereinbarung, die zwingend vorschreibt, Aktien, die über zehn Prozent an Wert verlieren, sofort zu verkaufen. Leider hielt sich das Institut nicht an die klaren Vorgaben und ging später sogar in Konkurs.

Immerhin erhielt er in diesem Fall einen Teil seines Geldes zurück. Ob das nun auch im Fall Lehman Brothers klappt, ist völlig offen.

 

Hintergrund: Bankberatung

Eine Bankberatung ist ein Verkaufsgespräch. Die Berater sind spezialisierte Verkäufer, die nach internen Vorgaben fremde Finanzprodukte oder Angebote des eigenen Hauses vertreiben und dabei, wie im Fall von Lehman-Papieren, nicht selten üppige Provisionen kassieren. Verbraucherschützer monieren schon seit einiger Zeit, dass die Qualität dieser Vermittlungsarbeit oft mangelhaft sei. Auch das Urteil des Heilbronner Wertpapier-Experten Ulrich Gass ist vernichtend: „Die meisten Bankberater verstehen selbst nicht, was sie da an Fremdprodukten verkaufen.“ -bert





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