Kommunen suchen verzweifelt nach Ärzten

Region  Weil Hausärzte knapp werden, werden Gemeinden kreativ. Vom Finderlohn für einen Arzt bis zu Vermittlungsagenturen gibt es alles.

Von Reto Bosch

Ärzte dringend gesucht
In Ellhofen droht Ärztemangel. Deshalb bietet die Gemeinde eine Vermittlungsprämie von 5000 Euro. Foto: Reto Bosch  

Die Kassenärztliche Vereinigung steht in der Verantwortung. Sie muss sicherstellen, dass die Bürger ausreichend versorgt werden. Wenn es in einzelnen Kommunen trotzdem Lücken gibt, sehen sich auch die Städte und Gemeinden in der Pflicht. Die Bürger üben Druck aus, Ärzte gehören zum wichtigen Teil der Infrastruktur.

„Die Probleme scheinen noch nicht bei der Politik angekommen zu sein“, sagt Björn Steinbach. Er ist Bürgermeister in Lehrensteinsfeld und Vize-Chef des Gemeindetag-Kreisverbands Heilbronn. Die Möglichkeiten auf kommunaler Ebene seien begrenzt.

Lehrensteinsfeld und Cleebronn bauen eigene Praxisräume

Eine davon hat Steinbach selbst genutzt. Die Gemeinde Lehrensteinsfeld (2200 Einwohner) hat nach Absprache mit einem Allgemeinmediziner in der Ortsmitte Praxisräume gebaut. „Wir treten jetzt als Vermieter auf“, erklärt Steinbach. Die Kommune müsse keine Rendite erwirtschaften, deshalb sei es möglich, eine nur moderate Miete zu verlangen.

Mehr zum Thema: Bürgermeister in der Region forderten 2014 Rechtsanspruch auf Hausärzte 

Das Modell funktioniert - auf ähnlichem Wege auch in Cleebronn. Dort hat die Gemeinde 500.000 Euro für die Räume und sogar 100.000 Euro für die allgemeine Praxiseinrichtung ausgegeben. Ein entscheidendes Argument für den Arzt, der seitdem die 2700 Cleebronner betreut.

Anderes Beispiel: Die Gemeinde Neckarwestheim investiert 1,5 Millionen Euro, um ein Ärztehaus mit Apotheke sowie 14 betreuten Wohnungen zu fördern – bis Dezember 2018 soll die Praxis in Betrieb gehen. 

Ellhofen zahlt eine Vermittlungsprämie

Ellhofen sucht als Ergänzung zu einem ortsansässigen Arzt einen weiteren Mediziner. An den Ortseingängen verbreiten große Plakate diese Botschaft: „Wer einen Arzt vermitteln kann, bekommt eine Prämie von 5000 Euro.“

Außerdem bezahlt die Gemeinde Freihaltegebühren von mehreren Tausend Euro für neu gebaute Räumlichkeiten, die als Praxis genutzt werden könnten. „Es gibt immer wieder Gespräche mit Medizinern, aber nichts Konkretes“, sagt Bürgermeister Rapp der Stimme.

Mulfingen und Eppingen schalten Personalvermittler ein

Viele Städte und Gemeinden nehmen die Hilfe von Vermittlungsagenturen in Anspruch. Ein Beispiel ist Mulfingen (3800 Einwohner) in Hohenlohe. Für den Ortsteil Kleingartach hat die Stadt Eppingen Anzeigen finanziert und ebenfalls einen Personalvermittler eingeschaltet.

Nach einem Jahr Vakanz fand sich dann auf anderem Weg eine Nachfolgerin. Zudem wurde vor Jahren das ehemalige Eppinger Krankenhaus in ein Ärztezentrum umgebaut, auch mit kommunalen Investitionen.

Güglingen bezahlt Zuschuss an Ärzte

Viel Geld steckt Güglingen in die ärztliche Versorgung. Die 6200-Einwohner-Stadt gibt Allgemein- und Fachärzten einen Zuschuss von 50.000 Euro, wenn sie sich in Güglingen niederlassen, also eine bestehende Praxis übernehmen oder eine neue eröffnen. Dort könnte es vor allem bei den Allgemeinmedizinern eng werden.

Der Gemeindetag Baden-Württemberg nimmt die Standesvertretung der Ärzte in die Pflicht.Die Kassenärztlichen Vereinigung habe eine flächendeckende Ärzteversorgung zu gewährleisten. „Das kommunale Handeln ist durch diese rechtliche Vorgabe eng begrenzt, vor allem wenn es um finanzielle Beteiligungen und Anreize geht“, sagte Präsident Roger Kehle der Heilbronner Stimme. „Wir erwarten , dass die ärztliche Selbstverwaltung hier konstruktiv an zukunftsfähigen Lösungen arbeitet.“

 

Ärzte-Versorgung wird schwieriger

Die Kassenärztliche Vereinigung warnt: In den kommenden Jahren könnten rund 500 Arztpraxen in Baden-Württemberg keine Nachfolger finden. Ein dramatischer Zustand, gerade für den ländlichen Raum. Eine Lösung ist so schnell nicht in Sicht. Viele Gegenmaßnahmen wirken erst in vielen Jahren. Das Problem dürfte also erst einmal nur größer werden.

Deshalb befasst sich unsere Redaktion ausführlich mit dem Thema Ärztemangel:

Unsere Übersicht "Stadt, Land, Krank" zeigt, wie stark das Gefälle zwischen Stadt und Land ist bei der Versorgung von Ärzten.

Wir haben Zweiflingen besucht, die einzige Gemeinde in der Region, die überhaupt keinen Arzt mehr hat.

Besonders spürbar ist der Mangel für Eltern. Kinder- und Jugendärzte müssen vielerorts schon Patienten ablehnen.

Außerdem haben wir einen Orthopäden in Neckarsulm besucht. Er berät einige seiner Patienten inzwischen vom Computer aus. Kann die sogenannte Telemedizin eine Lösung für Ärztemangel auf dem Land sein?

Mit einer interaktiven Karte können Sie auch selbst testen, wie weit entfernt Sie von den nächsten Ärzten wohnen.

Wichtig, wenn die Auswahl an Ärzten abnimmt: Wann dürfen Ärzte überhaupt Patienten ablehnen?