Kindheitstraum: Auf der Musicalbühne stehen

Interview  Viele Kinder träumen davon: Einmal als Star auf einer großen Bühne zu stehen. Für den neunjährigen Lucas Budig und den zehnjährigen Simon Speer ist dieser Traum jetzt schon wahr geworden. Die beiden Jungen spielen im Musical „Mary Poppins“ im Stuttgarter Stage Apollo Theater mit.

Von Susanne Schwarzbürger

Lucas Budig strahlt in der Kulisse von „Mary Poppins“. So heißt das Kindermädchen, das die verwöhnten Kleinen Michael und Jane Banks mit Hilfe von Magie erzieht. Foto: Stage Entertainment.

Und die beiden haben nicht irgendeine Rolle, nein, auf der Bühne spielen sie eine Hauptrolle, die des Kindes Michael Banks. Zwei Kinder, aber nur eine Rolle? Wie soll das gehen? Ganz einfach: Lucas und Simon schlüpfen nicht gleichzeitig in ihr Kostüm, sie treten zu unterschiedlichen Terminen auf. Da das Stück acht Mal pro Woche aufgeführt wird, sind alle Rollen mehrfach besetzt. Jeder ist so etwa zwei bis drei Mal in der Woche dran, erzählt Lucas. Der Gemminger Schüler und Simon aus Ittlingen waren für ein Interview in der Stimme-Redaktion.

 

Wovon handelt „Mary Poppins“ eigentlich?

Lucas und Simon: (reden durcheinander) Also eigentlich geht es gar nicht hauptsächlich oder nur um Mary Poppins, auch wenn das Musical so heißt. Es geht vor allem um die Familie Banks, besonders um die Kinder Jane und Michael. Und George und Winifred, das sind unsere Eltern im Stück, die sind reich. Der Vater sucht für die beiden ein Kindermädchen. Da taucht – wow, it’s magic – Mary Poppins auf. Die ist schick gekleidet und völlig ohne Fehler. Jane und Michael haben sich genau so ein Kindermädchen gewünscht.

 

Also die Geschichte von einem Kindermädchen, das, ähnlich wie bei der „zauberhaften Nanny“, mit Hilfe von Magie die verwöhnten Kinder zu besseren Menschen erzieht. – Wie seid ihr zu der Rolle als Michael gekommen?

Lucas: Der Trauzeuge von meinen Eltern hat die Ausschreibung im Internet gesehen und gemeint, dass ich mich doch dort mal bewerben könnte.

Simon: Ich habe das auch im Internet gesehen, beziehungsweise mein Vater. Der hat mir das gezeigt und gefragt, ob ich da nicht vielleicht mitmachen will, weil: Ich habe schon für mein Leben gerne Theater gespielt. In meiner Familie schauspielern alle in einem Laientheater in Steinsfurt bei Sinsheim. Da habe ich auch schon mitgespielt. Jetzt bin ich auch in der Theater-AG am Hartmanni-Gymnasium in Eppingen.

Lucas: Ich habe in meiner Grundschule in Massenbachhausen bei Theaterstücken auch immer die Hauptrolle gespielt, das wollte ich immer machen.

 

Wie ist denn der Michael, euer Charakter, so?

Simon: Als Michael muss man ein Draufgänger sein.

Lucas: Für Jane ist Michael so ein kleiner, dreckiger Stinker, sage ich jetzt mal. Der ist ziemlich frech. Ganz schön direkt ist er.

 

Habt ihr auch Erfahrung mit Singen?

Beide: Ja, ich bin im Chor.

 

Auf eure Bewerbung hin seid ihr also zu einem Casting eingeladen worden?

Simon: Ja, das war am 25. Februar.

 

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Simon und Lucas beim Interviewtermin mit Susanne Schwarzbürger (von rechts). Foto: Mario Berger

Wie lief das ab?

Simon: Beim Casting gab es vier Gruppen. Da waren jeweils 20, 21 Kinder drin.

Lucas: Bevor das Casting angefangen hat, haben wir uns schon angefreundet. Wir hatten gemerkt, dass Simon aus Ittlingen ist und ich aus Gemmingen und dass wir uns vom Sehen her kannten, wahrscheinlich vom Fußball.

Simon: Wir hatten vorher eine Szene geschickt bekommen und ein Lied, den Text mussten wir lernen. Wir haben dann beim Casting ein Lied gesungen, dann sind wir da im Kreis gelaufen (er springt auf und macht es vor), dabei haben wir den Text gesagt.

Lucas: Wenn die Michaels dran waren, dann haben die gesprochen, wenn die Janes dran waren, haben die Mädchen gesprochen. Zum Beispiel: „Das ist gemein, du darfst ausgehen, und wir müssen alleine hier rumhocken ...“Am Tisch saßen Trainer, die haben sich etwas notiert. Dann hat man uns noch den Wechselschritt beigebracht (Lucas macht den Tanzschritt vor).

Simon: Dann haben wir noch die ersten Buchstaben von diesem berühmten Wort von Mary Poppins tanzen gelernt, von supercalifragilisticexpialigetisch .... (Lucas zeigt auf sein T-Shirt. Darauf steht das lange Wort mit bunten Buchstaben. Beide Jungen stehen jetzt und zeigen, wie sie s-u-p-e-r und so weiter tanzen.)

Und dann?

Simon: Nur zwei Jungen und drei Mädchen durften danach bleiben. Und die Jungen waren wir beide. Es waren aber auch nur vier Jungen in der Gruppe, da hatten sich nicht so viele beworben. Ein bisschen schade, denn die Rolle ist echt cool.

Lucas: Wir mussten anschließend nur noch einen Satz sagen, den sollten wir mit Michaels Stimme sprechen. Danach mussten wir auf die E-Mail warten, in der wir erfuhren, dass wir zu Vorbereitungsproben kommen konnten.

 

Also zu einer Art Probe-Proben. Wie lange ging das?

Beide durcheinander: Vier Wochen lang, jedes Wochenende am Samstag und Sonntag. Das war dann im April. Beim Finale wussten wir noch nicht, ob wir wirklich drin waren oder nicht. Doch am selben Abend kam noch die E-Mail.

Simon: Ich fand da schon: Das war eine tolle Erfahrung, selbst, wenn ich nicht genommen worden wäre.

Lucas: Als mein Papa und ich dann gehört haben, dass ich dabei bin, haben wir uns total gefreut, und zu Hause habe ich ganz laut das Lied „Supercalifragilistisch“ angemacht, habe mitgesungen und bin dazu auf dem Sofa herumgehüpft.

 

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mon Speer guckt sich sein Michael-Kostüm an. Auf seinem T-Shirt steht das komplizierte Wort aus dem Lied „Supercalifragistic“. Fotograf: Stage Entertainment/Jan Potente

Dann ging es richtig los mit den Proben. Wie oft und wie viele Proben habt ihr da bis zur Premiere?

Simon und Lucas diskutieren: So 50 bis 60 Proben. Die gehen immer etwa zwei bis drei Stunden, eine Singprobe auch mal nur anderthalb Stunden.

Lucas: Meine längste Probe war fünf Stunden lang, das war dann schon eine Bühnenprobe.

 

Lucas stand bei dem Gespräch kurz vor der Premiere während Simon erst ab Ende Oktober auftritt, daher haben sie jetzt keine gemeinsamen Proben mehr.

Was lernt ihr bei den Proben?

Beide: Schauspiel, tanzen, singen und sprechen, also die richtige Aussprache.

Lucas: Das mit dem richtig Sprechen, da wusste ich vorher gar nicht, dass das existiert.

 

Habt ihr da Vorlieben?

Simon: Ich schauspieler gerne, tanze aber nicht so gerne.

Lucas: Ich mag den Sprechunterricht nicht so gerne. Am liebsten mag ich die Bühnenproben, besonders die Generalprobe, weil der Regisseur da nicht immer unterbricht.

 

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Wenn sie nicht gerade Theater spielen, besucht Simon (links) die 5. Klasse des Hartmanni-Gymnasiums in Eppingen und Lucas die 4. Klasse der Grundschule Massenbachhausen. Foto: Mario Berger.

Die Proben nehmen viel Zeit in Anspruch. Wie vereinbart ihr das mit der Schule?

Beide: Wenn es nötig ist, werden wir da freigestellt.

Lucas: Und die Freunde finden das alle cool, vor allem wegen der Freistellung.

Simon: Freunde und Familie, die wollen alle zum Musical kommen.

 

Und was ist mit anderen Hobbys?

Lucas: Ja, ich habe Fußball gespielt, ging schwimmen, singen, war beim Zumba … aber jetzt geht da gerade gar nichts außer dem Theaterspielen.

Simon: Das ist bei mir auch so. Ich kann gerade weder ins Fußball noch zum American Football.

 

Lampenfieber?

Lucas: Ich habe kein Lampenfieber. Ich habe nur Schiss vor einer Nummer: Da geht der Diener zum Waschbecken, dann kommt da Gas raus. Da erschrecke ich mich immer, weil das so laut ist.

Simon: Ich denke, ich werde Lampenfieber haben, zumindest bei der Premiere. Ab zum Glück sieht man das Publikum gar nicht so.

 

Bekommt ihr eigentlich Geld für die Auftritte?

Lucas: (professionell) Jaaa, aber ich rede nicht so gerne darüber. Darum geht es auch gar nicht. Und das verwalten die Eltern.

Simon: Darüber dürfen wir auch gar nicht sprechen.

 

Ok, dann wüsste ich noch gerne: Was möchtet ihr später mal werden?

Simon: (wie aus der Pistole geschossen) Schauspieler

Lucas: Mit 13 will ich Prospekte austragen und nach der Schule in der Firma, wo mein Vater arbeitet, anfangen, aber später will ich nach Hollywood. Ich will bei Filmen mitspielen.

Simon: Ja, das Ziel habe ich auch im Hinterkopf. Aber ich habe auch noch andere Ideen. Vielleicht möchte ich auch Lehrer werden. Zeitung finde ich aber, ganz ehrlich jetzt, auch cool. Ich lese auch Zeitung und schreibe auch gerne. Und Interviews, so wie jetzt, selber machen, das macht mir auch viel Spaß.