"Ich habe nirgends so viele Staus erlebt wie hier"

Interview  Anna Grechishkina entdeckt die Welt seit fast fünf Jahren mit dem Motorrad. An diesem Samstag hat sie in Neckarsulm Station gemacht. Wir haben uns mit ihr darüber unterhalten, was so eine Reise mit einem macht.

Von Christian Gleichauf

"I have a dream": Anna Grechishkina auf ihrer vollgepackten KTM. Foto: Mario Berger  

Das Zweiradmuseum in Neckarsulm hat am Samstag Besuch von einer besonders weitgereisten Motorradfahrerin bekommen. Anna Grechishkina befindet sich seit fast fünf Jahren auf Weltreise - allein auf ihrer KTM. Im Stimme-Interview spricht sie über ihre Erfahrungen und weitere Ziele.

 

Ihr Motto ist "I have a dream". Viele Leute träumen vom Reisen. Aber verstehen die Menschen wirklich, was Sie da tun?

Anna Grechishkina: Viele glauben, dass ich mich hier auf einem endlosen Urlaub befinde. Nur wenige verstehen, dass auch wirklich harte Arbeit dahintersteckt. Mit dem Motorrad zu reisen ist eine Herausforderung. Das Wetter, schwierige Straßenverhältnisse. Auch jeder Grenzübertritt muss gut vorbereitet sein. Man muss sich rechtzeitig um Visa und solche Dinge kümmern. Und dann gibt es noch das Thema Finanzierung. Ich bin ja nicht mit einem dicken Bankkonto ausgestattet. Aber viele Menschen helfen. Ich darf häufig bei den Leuten übernachten, die ich kennenlerne. Trotzdem bin ich manchmal müde und fühle mich auch einsam. Es ist nicht alles Spaß. Aber genau das ist der Traum, den ich lebe.

 

Sie lernen so viele Leute kennen. Wie viele davon wollen Sie wiedersehen?

Grechishkina: Die meisten. Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass die meisten Menschen auf der Welt wirklich freundlich und hilfsbereit sind. Sobald ich ein paar Tage bleibe, entstehen Freundschaften. Bei der Abreise gibt"s oft Tränen.

 

Sie haben nun so viel gesehen von der Welt. Ist sie kleiner geworden?

Grechishkina: Definitiv. Ich fühle mich nun überall zu Hause, als wahre Weltbürgerin.

 

Sie sind jetzt zurück in Europa. Wie hat sich der Blick darauf verändert?

Grechishkina: Viele Länder Europas habe ich noch gar nicht gesehen. Da ist vieles neu für mich. Es gibt so viel zu entdecken. Ich muss zugeben, dass ich mich auch wieder wohler fühle als in Afrika, wo es teilweise etwas hart war für mich. Ich habe mich jedenfalls wieder auf Europa gefreut.

 

Welche Ziele haben Sie noch?

Grechishkina: Viele. Je länger ich unterwegs bin, desto mehr bekomme ich das Gefühl, dass ich noch lange nicht genug gesehen habe.

 

Und wollen Sie nicht irgendwann wieder sesshaft werden?

Grechishkina: Oh doch. Nicht sofort, aber bald. Zuerst möchte ich aber noch einmal zurück nach Afrika, die Westküste hinunter, dann nach Kanada und Alaska, und weiter. Es hängt davon ab, wie viel Energie ich dann noch habe.

 

Mit dem deutschen Verkehr kommen Sie zurecht?

Grechishkina: Ja, aber ich habe nirgends so viele Staus erlebt wie hier. Nicht einmal in Kairo, wo vieles chaotischer ist als hier.

 

Info

Anna Grechishkina hat inzwischen ein Buch mit vielen Fotos herausgebracht. Außerdem sammelt sie ihre Erlebnisse in einem Blog, auf dem auch die Route nachzuvollziehen ist. Alle Infos unter ihaveadreamtravel.com

Zur Person

Anna Grechishkina (38) befindet sich seit Juli 2013 auf Weltreise mit ihrem Motorrad. Sie stammt aus Kiew in der Ukraine und hat dort sieben Jahre in einer Bank gearbeitet. Mit 24 begann sie mit dem Motorradfahren. Anfangs bereiste sie auf mehrwöchigen Touren Osteuropa und den Nahen Osten. Irgendwann reifte der Plan für eine große Tour. Sie kündigte und machte sich mit rund 1000 Euro Startkapital auf den Weg. Zwei Jahre sollte der Trip dauern. Inzwischen hat sie 132.000 Kilometer auf dem Tacho und 40 Länder bereist.