Hunderte Hausärzte akut gesucht

Region  Ärztekammer und Kassenärztliche Vereinigung schlagen Alarm: In den kommenden Jahren könnten im Land 500 Hausarzt-Praxen keine Nachfolger finden. Der ländliche Bereich wird weitere Praxen verlieren.

Von Christian Klose

Kinderärzte haben chronisch volle Wartezimmer
Kinderarzt-Praxen sind jetzt schon chronisch voll. In den kommenden Jahren könnte das Problem noch zunehmen, weil viele ältere Ärzte Praxen schließen. Foto: Ralf Seidel  

Die Lücke wird bundesweit immer größer, die Lücken speziell im ländlichen Raum nehmen auch hierzulande zu: "Wir rechnen damit, dass wir in den nächsten Jahren etwa 500 Hausarztpraxen nicht werden nachbesetzen können. Und das betrifft keineswegs nur ländliche Regionen", schlägt Kai Sonntag, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung in Baden-Württemberg (KVBW), Alarm. Der Ärztemangel wird sich auch im wohlhabenden Südwesten dramatisch verschärfen.

Doch nicht nur der Mangel an niedergelassenen Ärzten an sich macht der KVBW große Sorgen, auch das Durchschnittsalter der praktizierenden Mediziner sei besorgniserregend: Aktuell sind im Land rund 1200 Hausärzte älter als 65 Jahre. Im Durchschnitt sind über ein Drittel der Hausärzte und fast ein Viertel der Fachärzte über 60 Jahre alt. Diese Diagnose zeichnet sich ab: In den nächsten Jahren werden in vielen Regionen gleichzeitig viele Praxen ohne Nachfolger schließen.

Durchschnittsalter der Ärztinnen und Ärzte steigt

"Auch wenn vor allem niedergelassene Hausärzte in ländlichen Regionen Schwierigkeiten haben, einen Nachfolger zu finden, ist der Ärztemangel ein facharztübergreifendes Problem. Diese Entwicklung wird sich weiter verschärfen. Denn nicht nur unsere Gesellschaft altert, auch das Durchschnittsalter der Ärztinnen und Ärzte steigt. Fast jeder vierte niedergelassene Arzt plant, in den nächsten fünf Jahren seine Praxis aufzugeben", sagt Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), der Stimme.


In Deutschland gibt es aktuell zu wenige Studienplätze in der Medizin, um den Bedarf für die Zukunft − theoretisch − decken zu können. Die BÄK fordert deshalb Bund und Länder dazu auf, die Zahl der Studienplätze sofort zu erhöhen und ausreichend zu finanzieren. "Wir brauchen eine konsequente Nachwuchsförderung, die mit dem Studium anfängt.

45.000 Bewerber, aber nur 9.000 Studienplätze

Immer mehr Bewerber müssen sich um immer weniger Studienplätze in der Humanmedizin bemühen. Mittlerweile stehen den 45.000 Bewerbern gerade einmal 9.000 Studienplätze zur Verfügung. Deshalb brauchen wir mindestens zehn Prozent mehr", so Montgomery.

Darüber hinaus müssten die Studenten schon während des Studiums mehr an die Allgemeinmedizin und an die hausärztliche Tätigkeit herangeführt werden. Zwingende Voraussetzung sei, dass an allen medizinischen Fakultäten in Deutschland Lehrstühle für Allgemeinmedizin eingerichtet werden.

 

Ärzte-Versorgung wird schwieriger

Die Kassenärztliche Vereinigung warnt: In den kommenden Jahren könnten rund 500 Arztpraxen in Baden-Württemberg keine Nachfolger finden. Ein dramatischer Zustand, gerade für den ländlichen Raum. Eine Lösung ist so schnell nicht in Sicht. Viele Gegenmaßnahmen wirken erst in vielen Jahren. Das Problem dürfte also erst einmal nur größer werden.

Deshalb befasst sich unsere Redaktion ausführlich mit dem Thema Ärztemangel:

Unsere Übersicht "Stadt, Land, Krank" zeigt, wie stark das Gefälle zwischen Stadt und Land ist bei der Versorgung von Ärzten.

Wir haben Zweiflingen besucht, die einzige Gemeinde in der Region, die überhaupt keinen Arzt mehr hat.

Wir erklären, wie verschiedene Gemeinden in der Region Prämien für neue Ärzte bezahlen, weil der Mangel so groß ist.

Besonders spürbar ist der Mangel für Eltern. Kinder- und Jugendärzte müssen vielerorts schon Patienten ablehnen.

Außerdem haben wir einen Orthopäden in Neckarsulm besucht. Er berät einige seiner Patienten inzwischen vom Computer aus. Kann die sogenannte Telemedizin eine Lösung für Ärztemangel auf dem Land sein?

Dort können Sie mit einer interaktiven Karte auch selbst testen, wie weit entfernt Sie von den nächsten Ärzten wohnen.

Wichtig, wenn die Auswahl an Ärzten abnimmt: Wann dürfen Ärzte überhaupt Patienten ablehnen?