Hürden für den Online-Arzt

Heilbronn  Ab 1. April können Ärzte ihre Bestandspatienten auch per Videosprechstunde beraten. Eine rasche Umsetzung dürfte aber an niedrigen Honoraren und einer vorgesehener Deckelung scheitern.

Von Valerie Blass

Das ist im eHealth-Gesetz so geregelt, die Rahmenbedingungen für die Vergütung haben die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) gemeinsam festgelegt. 

In der Theorie ist es Bestandspatienten dann möglich, sich die Fahrt zum Arzt und das Herumsitzen im Wartezimmer zu sparen. Leistungen wie die Verlaufskontrolle von Operationswunden, Bewegungsstörungen oder die Überprüfung von Hautkrankheiten sollen dann auch online möglich sein. Praktisch betrachtet scheinen die Rahmenbedingungen für die Einrichtung von Online-Sprechstunden für Ärzte aber so unattraktiv, dass sich kaum einer dafür interessieren dürfte, rasch diese Möglichkeit für seine Patienten zu schaffen.

 

Begrenzung: Die Anzahl der Online-Sprechstunden ist auf 17,5 pro Quartal gedeckelt − unabhängig von der Anzahl der Ärzte in einer Praxis. "Wir hätten eine Videosprechstunde pro Woche für unsere Patienten", sagt der Neckarsulmer Orthopäde und Unfallchirurg Boris Brand − und zwar auf die ganze Praxis gerechnet. Für jeden der vier Ärzte in Brands Praxis ergäbe sich ein Wert von 0,25 Videosprechstunden. Der Bundesverband Internetmedizin schreibt: "Ausgehend von durchschnittlich neun Arztkontakten pro Jahr würde ein Patient statistisch gesehen alle elf Jahre die Möglichkeit einer Online-Videosprechstunde bekommen."

Dazu sagt Oliver Erens, Sprecher der Landesärztekammer (LÄK) in Stuttgart: "Wir sind gegen eine Deckelung." Denn so könne man "die Nachfrage möglicherweise nicht bedienen". Wenn man solch ein interaktives Medium nutzen möchte, findet Erens, "sollte man nicht von vorneherein Grenzen einziehen". Denn dann sei es auch kaum möglich, dass sich Spezialisten herausbildeten.

 

Vergütung: Die Videosprechstunde soll mit 137 Punkten bewertet werden und so zu einem Erlös von 14,43 Euro führen. Das hat der Bundesverband Internetmedizin ausgerechnet. Um den Faktor 1,6 sei sie damit höher bewertet als die telefonische Beratung − nach Ansicht des Bundesverbandes "steht das in keiner sinnvollen Relation". "Das scheitert an der Honorierung", sagt auch Boris Brand. Aus der Bundespolitik heißt es: "Es wäre kein Problem, eine höhere Honorierung zu beschließen, wenn man das verbandspolitisch wollte." Das sagt Edgar Franke (SPD), Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im Deutschen Bundestag.

Die organisierte Ärzteschaft entscheide schließlich in Selbstverwaltung über die Rahmenbedingungen, so Franke. Er sieht bei vielen Ärzten eine kritische Haltung gegenüber der Online-Sprechstunde, weil sie sich nicht für jeden Bereich der Medizin eigne. Franke plädiert deshalb dafür, sie erst langsam anlaufen zu lassen und dann zu "evaluieren und zu schauen, wo es Effizienzgewinne gibt".

 

Alternative Modelle: Die Landesärztekammer will noch in diesem Jahr ein Modellprojekte in Baden-Württemberg starten, für das die strikten Rahmenbedingungen des eHealth-Gesetzes nicht gelten. Patienten sollen sich bei teilnehmenden Ärzten auch dann Rat holen können, wenn sie zuvor noch nie persönlich in deren Praxis waren. Die LÄK verhandelt derzeit nach eigener Auskunft mit verschiedenen Interessenten, die sich um den Modellversuch beworben haben. Erens sagt: "Was die Rahmenbedingungen betrifft, sind wir ganz offen. Der Anbieter muss selbst entscheiden, wie er teilnehmenden Ärzten ein attraktives Angebot machen kann." Die Vergütung könnte zum Beispiel mit den Krankenkassen speziell für dieses Projekt vereinbart werden.

 

Sicherheit: Das ist ein Aspekt, der immer wieder angeführt wird, um Bedenken gegen die Online-Sprechstunde zu begründen. Dabei geht es einerseits um Datenschutz in der virtuellen Welt und andererseits um den Qualitätsaspekt. Die Sorge einiger: Wichtige Informationen könnten verloren gehen, wenn sich Arzt und Patient nicht persönlich begegnen. "Wir sollten Patienten nicht unter dem Vorwand der Sicherheit entmündigen", sagt Boris Brand. Der offene Umgang mit einer Reihe von persönlichen Daten sei inzwischen Teil des Lifestyles.

Und: Gerade für Berufstätige stelle die Möglichkeit, online mit dem Arzt zu sprechen, einen Effizienzgewinn dar − viele Firmen hätten Interesse daran, für ihre Mitarbeiter Online-Behandlungen zu ermöglichen. Brand selbst arbeitet an der Umsetzung eines solchen Angebots − auch, um Patienten seiner neuen Praxis in Möckmühl ergänzend online betreuen zu können. Was die Qualität betrifft, hat er wenig Sorge: "Ein verantwortungsbewusster Arzt weiß, wann er einen Patienten einbestellen muss."

 

Die Politik sei offen für ein Plus an digitalen Angeboten, sagt Edgar Franke: "Wir wollen die sprechende Medizin stärken und sehen die Online-Sprechstunde als Ergänzung."