"Häufig fährt der Zug nicht"

Interview  Deutliche Kritik am Zustand der Frankenbahn übt der Sonderbeauftragte des Landesverkehrsministeriums, Gerhard Schnaitmann. Die Schienenstrecke zwischen Heilbronn und Würzburg sei nach wie vor ein aneinandergereihter Engpass.

Von Peter Boxheimer

"Häufig fährt der Zug nicht"

Doppelstockwagen von und nach Würzburg: ein Regionalexpress fährt in den Neckarsulmer Bahnhof ein.

Foto: Peter Boxheimer

Er spielt den Feuerwehrmann – auch für die Frankenbahn. Nach zahlreichen Beschwerden hat Landesverkehrsminister Winfried Hermann den langjährigen Nahverkehrsplaner Gerhard Schnaitmann aus dem Ruhestand zurückgeholt. Über seine Aufgabe hat der 65-Jährige in einem Exklusivinterview mit unserer Zeitung Auskunft gegeben.

 

Vor ein paar Wochen haben Sie sich als Nahverkehrsplaner verabschiedet. Nun kehren Sie als Sonderbeauftragter des Verkehrsministers zurück. Wie groß ist die Not in Stuttgart?

Gerhard Schnaitmann: Der Verkehrsminister wurde landauf, landab auf Zugausfälle, fehlende Waggons und Verspätungen angesprochen. Alle in der Regelorganisation eingeleiteten Maßnahmen haben nicht den von ihm gewünschten Erfolg gebracht. So hat er zu diesem etwas unkonventionellen Mittel gegriffen, mich am 1. Februar anzurufen und zu fragen, ob ich bereit wäre, einer kurzzeitigen Reaktivierung bis zum 15. April zuzustimmen.

 

Und Sie haben spontan zugesagt?

Schnaitmann: Meine Frau war zum Glück in der Nähe und hat heftig genickt. Dann habe ich in der Tat spontan zugesagt.

 

Einer Ihrer Arbeitsschwerpunkte ist die Frankenbahn. Wo sehen Sie hier das gravierendste Problem?

Schnaitmann: Die infrastrukturellen Probleme sind hinlänglich bekannt. Hinzugekommen ist jetzt der Umstand, dass durch den Verlust der Stuttgarter Netze ein personeller Abwanderungsprozess bei DB Regio am Standort Heilbronn eingesetzt hat. Die Leute sagen sich, 2019 ist die Zeit des Unternehmens hier vorbei, wir orientieren uns in andere Richtungen. Dazu muss man wissen, dass Lokführer ein sehr kostbarer Beruf ist. Er ist überall gesucht: ob an anderen Standorten von DB Regio oder bei Güterbahnen.

 

Sorgt die Fahrzeugflotte ebenfalls für Probleme?

Schnaitmann: Auch die Würzburger Eilzüge fahren jetzt mit Doppelstockwagen. Wenn man so eine Flotte neu zusammenstellt, hat man natürlich Probleme mit der Verträglichkeit der einzelnen Wagen untereinander. Auch wenn ein Doppelstockwagen gleich aussieht, ist im Innenleben, in der Elektronik keineswegs jeder gleich.

 

Ein Vergleich mit anderen Strecken: Schneidet die Frankenbahn besonders schlecht ab?

Schnaitmann: Was die Zugausfälle ab Jahresanfang angeht, in der Tat sehr schlecht. Immerhin wird die Regelbehängung mit fünf Wagen in der Zwischenzeit weitgehend erreicht. Aber es kommt häufig vor, dass der Zug nicht fährt − zum Beispiel, weil der Zugbegleiter in Lauda nach Würzburg statt nach Stuttgart einsteigt. Dann fährt der Zug leer an wartenden Schülern vorbei. Das sind natürlich Dinge, die vor Ort überhaupt nicht gut ankommen.

 

Die DB hat die Vergabe für den Betrieb der Frankenbahn ab 2019 an zwei private Gesellschaften verloren. Sehen Sie bei ihr überhaupt noch Interesse, Missstände anzupacken?

Schnaitmann: Da bin ich nachgerade erstaunt, mit welch offenen Armen ich bei der DB empfangen wurde. Man hat mir in kürzester Zeit eine Liste von täglichen Ansprechpartnern zusammengestellt. Wenn ich Missstände sehe, habe ich sofort jemanden, der der Sache nachgeht. Dadurch erzeugen wir sehr kurze Eingreifzeiten und können da und dort Dinge im Laufe des Tages reparieren.

 

Gibt es auch logistische und personelle Verbesserungen?

Schnaitmann: Wir haben in Stuttgart jetzt eine Springereinheit bereitstehen − also Lok und Wagen. Der Zug ist beheizt und abfahrbereit. Da sitzt ein Lokführer drauf, der alle von Stuttgart ausgehenden Strecken befahren darf.

 

Eine Eingreifreserve?

Schnaitmann: Ja. Aber auch im Wagenvorbereitungsdienst werden Reserven geschaffen, die die Lokführer bei der nächtlichen Aufrüstung der Zugeinheiten unterstützen. Dadurch geht das deutlich schneller.

 

Welche Aufgaben sind für Sie in den nächsten Wochen auf der Frankenbahn vordringlich?

Schnaitmann: An allererster Stelle steht die Vermeidung von Zugausfällen. Wir haben in Baden-Württemberg kein Verkehrsmittel, das "nice to have" ist, sondern ein Verkehrsmittel, das eine große wirtschaftliche Rolle spielt. Wenn man Ausfälle und Störungen vermeidet, wird man eigentlich fast zwangsläufig auch pünktlicher. An dritter Stelle steht die Behängung. Die Menschen sollen in entspannter Atmosphäre fahren können und sich nicht ständig ärgern müssen. Damit erhöht man die Zufriedenheit bei Kunden und Eisenbahnern vor Ort, die ihre Sache gut machen wollen. Wenn man sie lässt, tun sie das auch.

 

Was ist für Sie Pünktlichkeit?

Schnaitmann: Ein Zug ist nur dann pünktlich, wenn er in der Minute bis zum nächsten Zeigersprung fährt.

 

Im Bundesverkehrswegeplan ist der zweigleisige Ausbau zwischen Möckmühl und Züttlingen nicht enthalten. Hat er damit keine Chance mehr?

Schnaitmann: Ich verstehe DB-Netz nicht, dass sie diesen Engpass nicht beseitigt. Ich verstehe aber auch die Bundespolitik nicht, dass man hier kein Programm auflegt. Das ist nicht das einzige Problem: Viel zu wenig bekannt ist, dass im Wittighauser Tunnel Containerzüge mit gerade mal zehn Stundenkilometern fahren können, um nicht ins Schwanken zu kommen. Oder sie müssen das Gegengleis benutzen und sperren damit die andere Fahrtrichtung. Zwischen Osterburken und Würzburg gibt es zudem noch mehrere Personenzug-Haltestellen, wo die Menschen eben übers Gegengleis gehen müssen, um ihren Bahnsteig zu erreichen. Die Frankenbahn ist also nach wie vor ein aneinandergereihter Engpass.

 

Wenn Sie Mitte April Ihre Arbeit beenden, geht es dann der Frankenbahn besser?

Schnaitmann: Ich hoffe es zumindest. Es ist schon ein großer Turnschuh, den mir der Minister hingestellt hat. Ob ich den ganz ausfüllen kann, weiß ich im Moment noch nicht.