Großdemo gegen Atomkraft

Kirchheim/Neckarwestheim - Mit einem Protestmarsch zum Atomkraftwerk Neckarwestheim haben am Samstag nach Angaben des Veranstalters rund 3.000 Menschen an die Atomkatastrophe von Fukushima vor zwei Jahren erinnert.

Von Rolf Muth

 

 

Kirchheim/Neckarwestheim - Tausende gelber Luftballone steigen in den Himmel. Ein laues Lüftchen treibt sie gen Nord-Osten, knapp an Heilbronn vorbei Richtung Löwensteiner Berge. Das ist kein harmloser Luftballonwettbewerb der Neckarwestheimer Schulklassen: Die Aktion ist eine sichtbare Demonstration, wohin eine Atomwolke nach einem Unfall im Kernkraftwerk ziehen würde.

Gegen das Vergessen, gegen die Energielobby und gegen Atomkraft protestieren vor den Toren der EnBW in Neckarwestheim 3000 Kernkraftgegner (laut Polizei 1500) zum zweiten Jahrestag der Atomkatastrophe von Fukushima. 170 Kilometer entfernt des havarierten japanischen Atommeilers sei noch Strahlung gemessen worden, erinnert Stefan Mende-Lechler von der Bürgerinitiative AntiAtom Ludwigsburg.

Die Bevölkerung in den Regionen Heilbronn und Stuttgart sei aufgrund eines "völlig unzureichenden Katastrophenschutzes" auf sich alleine gestellt, wettert BUND-Regionalgeschäftsführer Axel Mayer. Im 40-Kilometer-Radius des Atommeilers lebten 2,7 Millionen Menschen, sagt er. Mayer kritisiert die grün-rote Landesregierung wegen mangelnder Evakuierungspläne.

Diese habe Grün-Rot zwar von der Vorgängerregierung so übernommen, räumt er ein. Sie seien aber auch nicht konsequent verbessert worden. Und er schimpft auf die Landesregierung, weil die landeseigene EnBW, auch Betreiber des Kernkraftwerks Neckarwestheim, sich an der "Aufhübschung" des französischen Atommeilers Fessenheim beteilige. Mayer fordert Einzelinitiative ein: Jedes privat finanzierte Windrad, jede Solaranlage schmälere die Macht und den Profit der Atomlobby.

Fukushima − dieser Unfall sei keineswegs die Folge einer Naturkatastrophe, sagt Tomoyuki Takada. Der seit 30 Jahren in Deutschland lebende Gründer der Organisation "AtomfreeJapan" hat japanische Wurzeln. Sein Vater stammt aus Hiroshima. Die Großeltern wurden von der Atombombe der Amerikaner im Zweiten Weltkrieg getötet. "In Deutschland gibt es ein großes Hoffnungspotential", sagt er mit Blick auf eine jahrzentelange Demonstrationskultur anti Atom und die eingeleitete Energiewende. In Japan seien Kernkraftgegner hingegen jahrzehntelang von den Nachbarn gemieden worden, seien isoliert gewesen. Noch heute würden Kundgebungen von der Polizei eingekesselt. "Japan hat nicht diese große Demonstrationsfreiheit."

Takada ist erschüttert, wie die nicht sichtbare Strahlung aus den Köpfen seiner Landsleute ausgeblendet wird. Wie sie in Fukushima weiterleben, obwohl die Bedrohung allgegenwärtig ist. "Fukusima ist längst nicht vorbei", sagt der Deutsch-Japaner mit Blick auf den desolaten Block vier, in dem 1534 abgebrannte Brennelemente im Abklingbecken lagern.

"Bei einem Erdbeben wird dieser Block zusammenbrechen", die von der Kernschmelze bedrohten anderen Reaktoren seien dann nicht mehr zugänglich. "Dann ist ganz Japan nicht mehr bewohnbar." Dass sich die japanische Regierung dennoch von der Atomlobby unter Druck setzen lässt, die Reaktoren wieder hochzufahren, entsetzt ihn. "Abschalten", ruft er − mit geballter Faust, die er in die Höhe streckt.

"Atomausstieg und Energiewende kommen nicht von alleine, auch nicht bei einer grün-roten Landesregierung; sie kommen von unten und müssen engagiert und wachsam erkämpft werden", wendet Franz Wagner von der Energiewende Heilbronn den Blick auf die Energieanlage direkt in Nachbarschaft zur Großdemonstration. "Manche Menschen glauben, dass Strahlung unter einer grün-roten Regierung weniger gefährlich sei", fordert er Wachsamkeit. Und kritisiert das Land als Eigentümer, weil der Neckarwestheimer Atommeiler noch bis 2022 laufen soll: "Geld ist offenbar wichtiger als Sicherheit."