Erinnerung und Warnung

Weinsberg  Auf dem Weissenhof: Gedenkfeier mit Sozialminister Manfred Lucha für die Opfer des Nationalsozialismus. Auch Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Weinsberg wurden beim Euthanasie-Programm der Nazis ermordet.

Von unserem Redakteur Thomas Dorn

Erinnerung und Warnung
Am Gedenkstein im Weissenhof-Park: Geschäftsführerin Anett Rose-Losert (im Vordergrund) neben Minister Manfred Lucha. Foto: Dennis Mugler

 

Eine brennende Kerze im Glas, entzündet von einem Schüler der Weinsberger Krankenpflegeschule, dazu schwermütige Klezmer-Musik, auf der Klarinette intoniert von der Musikerin Elisabeth Brose. Die Kerze erinnert die Gäste im Festsaal des Klinikums am Weissenhof an Emma Zeller-Dapp, eine von 908 Patientinnen und Patienten, die in den Jahren 1940/41 aus der Heil- und Pflegeanstalt Weinsberg in die Tötungsanstalt Grafeneck transportiert und ermordet wurden.

Staatlich verordneter Massenmord

10 654 psychisch kranke und geistig behinderte Menschen, in der Diktion der Nazis "lebensunwertes Leben", starben im Zuge des Euthanasieprogramms und der sogenannten T4-Aktion im Lager auf der Schwäbischen Alb. Seit 1996 der damalige Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar, den Tag der Befreiung des KZ Auschwitz, zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus erklärt hat, erinnert auch das Weinsberger Klinikum alljährlich an seine Verstrickung in den "institutionalisierten Massenmord", so Baden-Württembergs Sozialminister Manfred Lucha.

"Wir dürfen nicht vergessen, was damals passiert ist", betont er. Erst recht in einer Zeit, da Antisemitismus offenbar wieder aktuell werde, da "linke, rechte und muslimische Judenhasser" auftreten und eine Partei im Bundestag sitzt, "die relativiert, verharmlost, manchmal auch leugnet". Das sei "eine Schande für unser Land".

Gedenkstein für die Euthanasie-Opfer

Der Minister weiht am Samstag auf dem Weissenhof eine Erläuterungstafel zum schon 1990 von dem Künstler Berthold Teske gestalteten Gedenkstein für die Euthanasie-Opfer ein. "Mit dem Stein verbinden wir die Verpflichtung, die Würde aller uns anvertrauter Menschen zu achten und zu schützen", sagt Geschäftsführerin Anett Rose-Losert. Sie sieht den Gedenktag als Chance, Konflikte wie Fremdenhass anzusprechen. Ihre Befürchtung: Dass es sich zu viele "im Bett des Unpolitischen" bequem machen und "die Lauten und Aggressiven den Diskurs bestimmen".

Dass es beim Erinnern um individuelle Schicksale geht, macht der Ärztliche Direktor Matthias Michel ebenso deutlich wie der eindrückliche Beitrag der Pflegeschüler über Leben und Tod von Emma Zeller-Dapp. Nach einer außerehelichen Schwangerschaft wird sie von der Familie in die Psychiatrie abgeschoben. Die Diagnose "angeborener Schwachsinn" wird ihr zum Verhängnis. Im Juni 1940 wird sie im grauen Postbus abgeholt. Sie stirbt, zusammengepfercht mit anderen Patientinnen, als "Nummer 3828" in der Duschbaracke in Grafeneck.

Bunte Gebetsfahnen mit 908 Namen

"Den Toten ihre Identität und Würde wiederzugeben", so Pfarrerin Bärbel Hermann-Kazmaier, ist Ziel einer weiteren Aktion der Pflegeschüler. Jeden 908 Namen der getöteten Patienten haben sie auf bunte Gebetsfahnen geschrieben, die jetzt beim Gedenkstein im Wind wehen - als Zeichen, "wie viel buntes Leben ausgelöscht wurde".