Die Psychiatrie öffnet sich, nicht nur für einen Tag

Weinsberg  Mehr als 4000 Besucher nutzten am Sonntag die Möglichkeit, einen Blick ins Klinikum am Weissenhof zu werfen.

Von Christian Gleichauf

Die Psychiatrie öffnet sich, nicht nur für einen Tag

Krankenpfleger Peter Rückner beim Rundgang über das Gelände des Klinikums am Weissenhof. An vielen Stellen wird gebaut.

Foto: Christian Gleichauf

Die mächtigen alten Bäume der 60 Hektar großen Parkanlage des Klinikums am Weissenhof bieten den zahlreichen Besuchern am Sonntag immer wieder schattige Plätzchen. In kleinen Gruppen werden sie von Mitarbeitern über das Gelände geführt und erfahren dabei, wie sich der Umgang mit psychisch Kranken im Verlauf der letzten 110 jahre am Standort verändert hat.

Der Bedarf wächst

Erstmals hat Geschäftsführerin Anett Rose-Losert die Besucher zum Tag der offenen Tür begrüßt. Seit dem vergangenen Jahr steht sie an der Spitze des Hauses und kämpft unter anderem mit dem neuen Entgeltsystem, das die Finanzierung des Klinikums nicht einfacher gemacht hat. Und das, obwohl der Bedarf für psychiatrische Behandlungen steigt. Derzeit entsteht ein Neubau für die Suchtstationen 13 und 14, der im Herbst eröffnet werden solle, und auch die Kinder- und Jugendpsychiatrie muss um einen Anbau erweitert werden.

Rundgang über das Gelände

Peter Rückner ist Krankenpfleger am Weissenhof. An diesem Sonntag hat er sich eine rote Weste über sein weißes, geschnürtes Hemd gezogen - als Märchenerzähler. Vor Jahren hat er auf der Demenzstation damit begonnen, den Patienten Geschichten zu erzählen, an die sich auch verwirrte Menschen oft erinnern können. Heute wird er vor den Kindern der Besucher einige dieser Märchen zum Besten geben. Allerdings später. Erst einmal erzählt er den Besuchern etwas über seine Arbeit und die bewegte Geschichte der Klinik.

Gefahr für sich selbst

Sein halbes Leben arbeitet der 50-Jährige schon hier. "Vieles ist offener geworden", erzählt er. Gleichzeitig bleiben manche Instrumente, die es in der Psychiatrie seit jeher gibt, als letztes Mittel. Noch immer müssen Menschen ruhiggestellt oder fixiert werden, müssen Patienten gegen ihren Willen in der Klinik bleiben, wenn sie sich selbst oder anderen zur Gefahr werden können. Das gilt für die geschlossenen Stationen, aber auch insbesondere für den Maßregelvollzug.

"Keine gute Idee"

100 Plätze sind für die psychisch kranken oder suchtkranken Straftäter vorgesehen. Hier zu simulieren, um eine Gefängnisstrafe zu vermeiden, sei ganz sicher keine gute Idee, sagt Rückner. "Im Gefängnis sitzt man nur eine gewisse Zeit ab, hier kann eine Behandlung auch länger als die Gefängnisstrafe dauern." Insbesondere, wenn die Ärzte zur Überzeugung kommen, dass eine "Krankheitseinsicht" fehlt.

Eine eigene kleine Welt

Die Tour geht vorbei an vielen schönen Jugendstilgebäuden der einstigen "Königlichen Heilanstalt", vorbei am Gedenkstein für die Opfer des Nationalsozialismus, als rund 900 Patienten in Grafeneck getötet wurden, vorbei an Metallbau, Schreinerei, vorbei an der Küche, wo täglich rund 2000 Essen gekocht werden. Es ist eine kleine Welt für sich. Platz für rund 540 Patienten gibt es derzeit, 1300 Mitarbeiter sind hier beschäftigt.

Großes Angebot am Tag der offenen Tür

Zum Ende des Rundgangs am Festzelt lädt Krankenpflegeschülerin Katrin Brunn zu einem Rollstuhlrennen mit Promillebrille ein. Peter Rückner erzählt nun den Kindern seine Märchen, während Experten Fachvorträge zu psychiatrischen und medizinischen Themen halten. Darüber hinaus ist dieser Tag der offenen Tür auch enfach ein großes Fest, auf dem bis zum Abend mehr als 4000 Besucher vorbeischauen.