Der Puls steigt beim Internet der Dinge

Region  Beim Industrie-4.0-Kongress des Vereins Venture Forum Neckar werden Trends der Digitalisierung sichtbar. Nicht nur in der Theorie, denn viele Gründer suchen auf dem Kongress auch Investoren für ihre Technologien.

Von Manfred Stockburger

Der Puls steigt beim Internet der Dinge

Foto: Weissblick/Fotolia

 

Digitalisierung, sagt Tobias Kollmann von der Universität Duisburg-Essen "heißt Veränderung". Angenehm ist das nie - zumal diese Form der Veränderung das "Diktat der Schnelligkeit" mit sich bringe, wie der Professor für E-Business und Entrepreneurship es formuliert. Nicht nur für den einfachen Mitarbeiter gilt das, sondern auch für etablierte Firmen, denen digitale Geschäftsprozesse fehlen. Die können eigentlich nur von Startups kommen.

Nicht im Hörsaal einer Universität formuliert Tobias Kollmann vergangene Woche diese Gedanken, sondern im Heilbronner Haus der Wirtschaft beim Forum Industrie 4.0 des Investorenvereins Venture Forum Neckar (VFN). Mit seinen Thesen liefert Kollmann aber die perfekte Erklärung für das Warum dieser Veranstaltung, bei der sich etablierte Manager und Unternehmer die Ideen von Firmengründern anhören - und diesen möglicherweise gegen eine Beteiligung am neuen Unternehmen Geld und ihre Netzwerke zur Verfügung stellen. Die Heilbronner Stimme war Medienpartner der Veranstaltung.

Industrie 4.0 bietet Chancen

"Mit Industrie 4.0 entstehen neue Chancen, die wir frühzeitig nutzen müssen", sagt VFN-Vorstand Stefan Reineck, der von Haus aus Physiker ist, aber als Manager und Unternehmer Karriere gemacht hat. Die Region biete eine besondere Unternehmenslandschaft und Infrastruktur, sagt er. "Es entwickelt sich ein sehr dynamisches Umfeld, in dem sich jungen Firmen interessante Optionen bieten." Auch die bestehenden Firmen können profitieren, wenn sie mit neuen Ideen in Kontakt kommen.

Hohe Drehzahl und hohes Drehmoment

Christof Siebert, Innovationsmanager der Ditzinger Maschinenbaufirma Trumpf, macht das am Beispiel der eigenen Firmengeschichte deutlich. Groß ist die Firma mit dem Kopiernibbeln geworden - eine Technik zur Blechbearbeitung. In den 1970er Jahren wurde diese Technik durch computergesteuerte CNC-Maschinen abgelöst, in den 1990er Jahren übernahm dann die Lasertechnologie. "Und was kommt jetzt?", fragt Siebert. Er rechnet damit, dass die digitale Transformation vor allem die Abläufe in Firmen verändern wird: "Etablierte Firmen haben eine niedrige Drehzahl und ein hohes Drehmoment, bei Startups ist es anders herum", sagt er. Aufgabe des Innovationsmanagements sei es, an dieser Stelle eine Getriebefunktion einzunehmen, um Drehzahl und Drehmoment optimal aufeinander einzustellen.

An einem Beispiel aus dem eigenen Haus macht er deutlich, was das Bewirken kann: Bei der Herstellung von Stanzwerkzeugen habe sich durch ein Transformationsprojekt die Reklamationsquote um 80 Prozent verringert, die Produktivität sei um 120 Prozent verbessert worden und die Liefertreue um 110 Prozent. Die Lieferzeit sei von vier Tagen auf vier Stunden zurückgegangen.

Dennoch schwingt beim Thema Industrie 4.0 ein gewisser Hokuspokus-Faktor mit. Ist da überhaupt etwas Realistisches dabei? Bei der fünften Auflage der Veranstaltung stellt Stefan Reineck fest, dass die jungen Firmen zunehmend anwendungsorientierte Geschäftsmodelle vorstellen. Und nicht nur irgendwelche gesponnenen Technologievisionen. Einen guten Überblick hat der Verein: Seit seiner Gründung vor 15 Jahren 2002 haben sich mehr als 5000 junge Firmen beim VFN gemeldet, fast 350 haben ihre Ideen seither im Rahmen von großen und kleinen Veranstaltungen Kapitalgebern vorgestellt. 19 sind es beim diesjährigen Forum.

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Vier Ideen aus diesem Jahr

APP BY YOU - Chat mit Mitarbeitern und Maschinen

„Chatten wird immer wichtiger“, sagt Geschäftsführer Thomas Teufel. Und nicht nur im Vorfeld der Bundestagswahl kamen automatisierte Gesprächspartner, sogenannte Chatbots, zum Einsatz. Auch im sozialen Bereich oder im Handel kommen Chatbots zum Einsatz. Der Company-Messenger der Balgheimer Firma App by You vernetzt Mitarbeiter, Kunden und Maschinen, die über das System selbstständig Störungsmeldungen verschicken können. Andererseits können häufig wiederkehrende Fragen von Automaten beantwortet werden – die Daten bleiben im Haus. Teufel hat sein Handwerk beim Softwaregiganten SAP gelernt, danach gründete er ein Systemhaus. www.company-messenger.com

RENUMICS - Demokratisches Computerhirn

Mit künstlicher Intelligenz wollen Stefan Suwelack und seine Mitgründer von Renumics Computersimulationen für Ingenieure effizienter machen. Die Firma ist im Umfeld des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) entstanden. „Durch unsere Technologie wird simulationsgetriebenes Design einfacher für mittelständische Unternehmen nutzbar“, verspricht der Gründer. Bisher sind dafür nämlich teure Software und hunderte Arbeitsstunden von speziell ausgebildeten Berechnungsingenieuren nötig, weshalb Suwelack von einer „Demokratisierung der Technologie“ spricht. Mehrere Pilotkunden wenden die Software schon an, darunter sind zwei Dax-Konzerne. www.renumics.com

ADLATUS - Autonomer Reinigungsroboter

Roboter kommen in vielerlei Gestalt daher. Einen besonderen hat Matthias Strobel von der Ulmer Firma Adlatus Robotics entwickelt: Er ist auf die Reinigung von gewerblich genutzten Flächen spezialisiert. Den Anstoß dafür gab der Heilbronner SB-Warenhaus-Betreiber Kaufland, erzählt Strobel. Dass es dort mit einem Haushalts-Staubsaugroboter nicht getan ist, erschließt sich schnell. Herausgekommen ist ein ausgewachsenes selbstfahrendes Reinigungsgerät, das auch Flughafenterminals und Fabrikhallen sauber machen kann. Obwohl das Gerät mit 30.000 Euro nicht günstig ist, sieht er große Marktchancen: Weil qualifiziertes Reinigungspersonal schwer zu bekommen sei. Mehr unter: www.adlatus.eu

TRINCKLE 3D - Software für 3D-Drucker

Sie sind echte Wunderwerkzeuge, die 3D-Drucker. Aus Kunststoffen und Metall können sie dreidimensionale Werkstücke herstellen, die anders gar nicht machbar wären. Nur: Bis solche Teile gedruckt werden können, müssen sie erst im Computer gestaltet werden. Hier setzt Florian Reichle von der Berliner Firma Trinckle 3D an. Er hat eine Plattform entwickelt, mit der die Erstellung von 3D-Produkten deutlich vereinfacht oder sogar automatisiert werden kann. Sogar Endkunden sollen ihre Teile im Internetbrowser gestalten können – vom Robotergreifsystem bis zu Schmuck oder Automobilzubehör. Die Kundenliste ist lang, nächstes Jahr soll die Software weiterentwickelt werden. Mehr unter: www.trinckle.com

 

Alles andere als Spielerei

Der Blick ins Publikum zeigt, dass die Veranstaltung - anders als die TV-Show "Höhle der Löwen" - viel mehr als Spielerei ist. Vertreter namhafter Technologiefirmen aus der Region sind vertreten, die alles andere als zu viel Zeit haben. Auch die Schwarz-Gruppe hat Mitarbeiter geschickt, um Trends aufzuspüren. Und dann sind Unternehmer dabei, die den Spaß am Neuen nicht verloren haben.

Professor Kollmann macht ihnen Mut zur digitalen Transformation: "Die Asiaten und die Amerikaner bekommen das hin. Aber wir sind nicht schlechter."

Weitere Informationen unter www.venture-forum-neckar.de