Der Prinz wird 60

Neckarsulm  1957 auf der IAA vorgestellt, kommt ein Jahr später der Kleinwagen Prinz aus den NSU-Werken auf den Markt. Vor sechzig Jahren, am 11. März 1958, geht in Neckarsulm der erste in Serienfertigung hergestellte Prinz vom Band. Bis 1973 wurden etwa 1,2 Millionen Stück produziert.

Von Manfred Stockburger

 

 

Ziemlich genau in der Mitte zwischen Daimler und Benz liegt - geografisch gesprochen - Neckarsulm. 1909 wurden dort die ersten Automobile gebaut - dass Audi der größte Arbeitgeber ist und die Region Benzin im Blut hat, verwundert auf den ersten Blick kaum.

Benzin im Blut, den Prinz im Herzen

Ursprünglich sollte der Prinz Lido heißen − fürs Pressefoto brachten die Neckarsulmer ein Exemplar und zwei Prinzessinnen an den NSU-Strand bei Venedig.

Ganz entscheidend für diese Entwicklung war der Prinz. Bis 1957 war Neckarsulm schließlich keine Auto- sondern eine Motorradstadt. Und Heimat gar der weltgrößten Motorradfabrik. Knapp 350.000 Zweirädern bauten die 6600 Mitarbeiter im Jahr 1955: Max, Fox und Quickly wurden in 90 Länder exportiert. Wer eine Max sein Eigen nannte, war ein kleiner König. Autos waren ein absolutes Luxusgut.

"Fahre Prinz und werde König"

Doch die Zeiten wandelten sich, und mit ihnen NSU. "Fahre Prinz und werde König", hieß die Antwort der Neckarsulmer auf die beginnende Massenmotorisierung. Unter höchster Geheimhaltung entwickelt, wurde beim Prototyp der Neuensteiner Gastwirt Hermann Schmidt als Hersteller angegeben, Hohenloher Feldwege dienten als Teststrecken. Gedacht war das Fahrzeug "für jene Bevölkerungskreise, die sich einen VW nicht leisten können, die sich aber nicht länger mit einem Zweirad begnügen wollen". So steht es in den Presseunterlagen für die IAA 1957 in Frankfurt, bei der das erste Nachkriegsauto von NSU Premiere feierte.

Benzin im Blut, den Prinz im Herzen

Auf den Pressefotos machte sich NSU mit Münchener Autokennzeichen größer. Die Prototypen waren mit ÖHR-Kennzeichen unterwegs, wie Bilder in der originalen Pressemappe zeigen.

Fotos: Audi, Archiv/Stockburger

 

Zwischen 1958 und 1973 wurden in mehreren Varianten etwa 1,2 Millionen Stück produziert - wie die Motorräder auch für den Export. Aber der Prinz kann für sich in Anspruch nehmen, dass er die Region mobil gemacht hat. Unzählige Anekdoten ranken sich um den Kleinstwagen aus der Motorradfabrik: Damit hat sich der Prinz einen Platz im kollektiven Gedächtnis verdient.

Mutiger Schritt

Ohne Prinz, ohne den wagemutigen Schritt des NSU-Managements um Gerd Stieler von Heydekampf, gäbe es heute kein Audi-Werk in Neckarsulm - auch wenn mittlerweile kaum einer der 16.000 Beschäftigten die Prinzen-Zeit schon miterlebt hat: 1973, als das Unternehmen längst zum VW-Konzern gehörte, lief die Produktion aus. Dass die Fabrik zwei Jahre später vom VW-Konzern beinahe ganz geschlossen worden wäre und nur durch einen beispiellosen Schulterschluss der Region gerettet wurde, ist eine andere Geschichte.

Zwischen dem Stuttgarter Daimler und dem Mannheimer Benz war in den ersten Jahrzehnten der Automobilgeschichte aber nicht nur Platz für NSU. Auch andere, in erster Linie Fiat, haben an der regionalen Automobilgeschichte kräftig mitgeschrieben.

NSU übernahm sich nämlich Mitte der 1920er Jahre beim ersten Versuch, eine Automobilproduktion auf die Beine zu stellen. Fiat sprang ein und übernahm 1927 die neue Fabrik in der Heilbronner Salzstraße - es war die erste Auslandsproduktion der Italiener, die ihre Fahrzeuge aus Heilbronn zeitweise unter der Marke NSU/Fiat verkauften, die Modelle verweisen mit den Namen Neckar und Jagst auf ihre Heimatregion.

Ur-Käfer

Benzin im Blut, den Prinz im Herzen

Schicksal: Als Audi 100 Jahre Automobilbau feierte, kollidierten zwei Prinzen.

 

Die Karosseriewerke Weinsberg, inzwischen Teil der Bretzfelder Wolpert-Gruppe, haben in ihrer wechselvollen Geschichte Anfang der 1930er Jahre für Ferdinand Porsche einen Prototypen gebaut: Den Ur-Käfer. Anfang der 1930er Jahre versuchte sich die Maschinenbaugesellschaft Heilbronn einige Jahre als Autobauer. Der Einzylinder-Zweitaktmotor der Firma, die in den 1850er Jahren mit ihren Dampfmaschinen die Region in ein neues Zeitalter gebracht hatte, stammte aus eigener Fertigung.

Zurecht werden Motorenexperten darauf verweisen, dass zur regionalen Autogeschichte auch der Wankel- und der Dieselmotor gehören. Mit dem 3,14 Meter langen und 490 Kilogramm schweren Mini aber hielt das automobile Lebensgefühl Einzug in der Region: Fahre Prinz und werde König!

 

Zweiradmuseum

Die NSU-Geschichte lässt sich im Neckarsulmer Zweiradmuseum wunderbar nachvollziehen. Mehr Infos gibt es auf der Homepage des Museums.