Aufregung um Einsatz von Stangen am Löwenkäfig des Zirkus

Heilbronn  Ein privates Handyvideo prangert das Vorgehen im Weihnachtszirkus an. Die Filmerin wirft einem Zirkusmitarbeiter vermeintliche Tierquälerei vor. Doch ein Amtstierarzt prüft und gibt Entwarnung - und erklärt, was wirklich zu sehen ist.

Von Carsten Friese

Helle Aufregung um Stangeneinsatz im Löwenkäfig
Die Tiger und Löwen im Griff: Dompteur Alexander Lacey bei seiner Vorstellung im Weihnachtszirkus am Mittwoch. Ein Video im Internet wirft einem Tierpfleger Tierquälerei vor. Lacey verweist auf eine Alltagsaktion nach der Fütterung. Foto: Andreas Veigel  

Es ist ein dramatischer Aufruf im Internet, der den Heilbronner Weihnachtszirkus als Ort des Bösen anprangert. Auf ihrer Facebookseite hat eine Frau ein Handyvideo mit Szenen von einem Löwenkäfig des Zirkus gestellt.

Anmerkung der Redaktion: Das Video wurde am Donnerstagmittag auf der privaten Facebookseite gelöscht, nachdem unser Artikel online gegangen war. In unserem Video-Beitrag am Ende des Artikels sind die Aufnahmen aber noch zu sehen.

Man sieht aus größerer Entfernung einen Mann, der mit einer langen Stange in den Käfig stochert, innendrin einen Löwen, der hin und her läuft und der Stange ausweicht. Im Hintergrund taucht der Theresienturm auf - der Ort ist die Theresienwiese, wo der Weihnachtszirkus am Mittwoch Premiere feierte.

Boykottaufrufe von Tierschützern

Was tut der Mann im Video? Und wieso? Nathalie A. hat das Video offenbar aufgenommen und es auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht. Dort schreibt sie, dass der Zirkusmitarbeiter den Löwen "attackiert". Viele hätten nicht die Möglichkeit, "die Leiden der Tiere hinter den Kulissen mit eigenen Augen zu sehen", gibt sie kund.

Sie ruft dazu auf: "Besucht keine Zirkusvorstellungen mit Tieren." Sie habe die Tierschutzorganisation Peta und das Veterinäramt der Stadt verständigt, teilt die Autorin mit. Auch verschiedene Tierschutzorganisationen und Gegner von Tieren im Zirkus haben das Video inzwischen aufgegriffen und geteilt.

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Rund 170.000 Nutzer haben das Video bis Mittwochmittag aufgerufen, es gibt bitterböse Kommentare gegen Zirkus und Mitarbeiter. Obwohl im Video gar nicht richtig zu erkennen ist, was dort genau passiert. Die entscheidenden Szenen im Video dauern 14 Sekunden, dann zieht der Mann die Stange aus dem Käfig.

Update (Do., 14.40 Uhr): Die Tierschutzorganisation PETA hat das ursprüngliche Video offenbar gesichert und erneut veröffentlicht:

Die Auflösung: Dompteur hat offenbar Knochen im Löwenkäfig verschoben

Nach einem Hinweis auf das Video hat Amtstierarzt Andreas Pick, stellvertretender Leiter der Abteilung Veterinärwesen der Stadt Heilbronn, den Weihnachtszirkus aufgesucht. Der Dompteur habe ihm die Situation geschildert, in der ein Tierpfleger mit der Metallstange nach der Fütterung mit großen Fleischbrocken einen großen Knochen auf die andere Käfigseite geschoben habe, um ihn zu entfernen. "Das hat dem Löwen natürlich nicht gefallen."

Dieser Vorgang sei nach einer Fütterung in Raubtiergruppen sinnvoll, sagt Pick. Beim Füttern würden einzelne Raubtiere durch heruntergelassene Gitter getrennt, damit kein Futterneid entstehe. Hinterher würden Zwischengitter wieder aufgemacht für einen gemeinsamen Auslauf. Wenn dort noch einzelne Knochen liegen, "gibt es Streit und Stress pur. Das kann bei Löwen böse enden", erklärt der Amtstierarzt.

Tiger-Dompteur Alexander Lacey hat inzwischen als Reaktion ein eigenes Video veröffentlicht, in dem er die Tigerfütterung zeigt:

Zirkusdirektor: „Der Löwe wurde nicht mit der Stange malträtiert“

Ein solcher Einsatz mit einer Stange im Raubtierkäfig sei Alltagsgeschäft, sagt auch der Zirkusdirektor. „Der Löwe wurde nicht mit der Stange malträtiert“, nimmt Direktor Sascha Melnjak auf Stimme-Anfrage zu dem privaten Handyvideo Stellung.

Melnjak sieht das Video im Zusammenhang mit immer neuen Vorwürfen von Tierschutzorganisationen wegen Wildtierauftritten im Zirkus. Es sei „Masche“, Dinge zu skandalisieren, kritisiert er. Als haltlos und abstrus stuft Melnjak die aktuellen Vorwürfe ein.

Amtstierarzt: Keine Verletzungsgefahr durch die Stangen

Helle Aufregung um Stangeneinsatz im Löwenkäfig

"Sie sind sehr entspannt." So beurteilt der Amtstierarzt die Raubtiere .

Foto: Pick

 

Der Heilbronner Amtstiearzt Pick hat sich auch die Metallstangen genau angesehen. Sie seien abgerundet, hätten keine spitzen Ecken, sagt er. Eine Verletzungsgefahr gehe von ihnen nicht aus. Die Stangen seien der verlängerte Arm des Dompteurs.

Eine solche Stange stuft auch die Landestierschutzbeauftragte Julia Stubenbord als Art Treibhilfe ein, um Löwen oder Tiger beispielsweise aus dem Käfig in Richtung Freilauf oder Manege zu treiben. 

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Einen Anlass für tierschutzrechtliche Konsequenzen gegen den Zirkus sieht Pick nicht. Die Szenen sähen "sicher unschön" aus, sie machten keinen guten Eindruck. Man erkenne aber auch bei Vergrößerung nicht, ob der Löwe mit der Stange getroffen wurde. Man müsse die Stange einsetzen, da man nicht mit der Hand in den Käfig greifen könne. "Ein Löwe ist keine Miezekatze."

"Wir nehmen so etwas ernst und gehen den Dingen nach"

Den Zustand der Löwen und Tiger des Weihnachtszirkus" hat der Veterinärmediziner vor einigen Tagen überprüft: Die Haltung entspreche den Vorgaben der tierschutzrechtlichen Erlaubnis vom Oktober 2017. Picks Fazit: Die Tiere "sind sehr entspannt und machen einen guten Eindruck". Sie seien in einem guten Pflegezustand. Der Dompteur kann es sich nach seiner Einschätzung auch nicht erlauben, die Tiere aggressiv zu behandeln. Denn das "könnte ihn sein Leben kosten".

Die Autorin hätte vor dem Posten des Beitrags besser gleich das Veterinäramt angerufen, findet Pick. "Wir nehmen so etwas ernst und gehen den Dingen nach."

Dass man aus der kurzen Videosequenz die Szene nicht ausreichend bewerten könne, hatte am Mittwoch auch die Landestierschutzbeauftragte Julia Stubenbord auf Anfrage der Stimme festgestellt. Für sie sei entscheidend, was der Mann mit der Stange bewirke. Die Überprüfung des Falles durch das Heilbronner Veterinäramt hatte sie darauf angeregt.

Tiger-Dompteur Alexander Lacey nimmt Stellung zu dem Facebook-Video in der aktuellen Folge von 360 Grad:

Heilbronner Gemeinderat hat längst Wildtiere im Zirkus untersagt

Wildtiere im Weihnachtszirkus wird es aber voraussichtlich ohnehin nicht mehr lange geben. Der Heilbronner Gemeinderat hatte bereits im Jahr 2015 ein Wildtierverbot für Zirkus-Vorstellungen in der Stadt verabschiedet. Der Weihnachtszirkus hat wegen bestehender Verträge aber noch Bestandsschutz bis 2019.

Dieter Seeger vom Verband deutscher Circusunternehmen ist überzeugt: "Das Wildtierverbot der Stadt Heilbronn ist rechtswidrig." Gemeinderat und Oberbürgermeister würden Recht brechen.

Die meisten Besucher des Weihnachtszirkuses sehen die Diskussionen um das Verbot aber offenbar gelassen. Die Vorverkaufszahlen waren zumindest noch nie so gut wie in diesem Jahr, teilte der Zirkus mit.

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