49 Pässe für käuflichen Sex

Heilbronn  Ein neues Gesetz hat den Schutz von Sex-Arbeiterinnen zum Ziel. Frauen müssen sich jetzt bei der Stadt anmelden. Eine Prostituierten-Hochburg scheint Heilbronn nicht zu sein, wie ein Vergleich mit Städten von ähnlicher Größe zeigt.

Von Heike Kinkopf

49 Pässe für käuflichen Sex

Im Bordell, in der Wohnung, auf der Straße: Wer als Prostituierte legal arbeitet, braucht eine Anmeldebescheinigung von einer Verwaltung.

Foto: Archiv/Berger

 

Prostituierte müssen sich neuerdings einen sogenannten Huren-Pass besorgen. Die Bescheinigung stellen die Städte aus. Damit gibt es erstmals ein offizielles Anmeldeverfahren für Frauen und Männer, die sexuelle Dienstleistungen anbieten. Die Stadt Heilbronn hat in rund drei Monaten 49 Ausweise ausgehändigt. Es sind vor allem Frauen aus Bulgarien, Rumänien und Deutschland, die den Pass beantragen, teilt Heilbronns Rathaussprecher Christian Britzke mit.

Eine Hochburg für angemeldete Prostituierte scheint Heilbronn nicht zu sein. Das zeigt ein Vergleich mit Städten in Baden-Württemberg von ähnlicher Größe. Andererseits: Die ausgestellten Bescheinigungen sagen nichts über Zahl der tatsächlich in Heilbronn tätigen Prostituierten aus. Ist ein Ausweis erst einmal ausgestellt, ist er bundesweit für zwei Jahre gültig. Wer zum Beispiel in Stuttgart seinen Huren-Pass bekommt, kann auch in Heilbronn arbeiten. Außerdem: Manche Frauen scheuen den Gang zu Gesundheits- und Ordnungsamt. Sie befürchten, dass ihre Anonymität auffliegt.

In die Illegalität gedrängt

An diesem Punkt setzt die Kritik eines 43 Jahre alten Heilbronners an. Er besitzt nach eigenen Angaben Häuser und Wohnungen in ganz Deutschland, die er 40 bis 50 Mieterinnen überlässt. Die Frauen bleiben nach seinen Angaben im Durchschnitt etwa eine Woche, dann beziehen sie die nächste Wohnung. Der Heilbronner lässt an dem neuen Prostitutionsgesetz, das die alte schwarz-rote Bundesregierung auf den Weg brachte, kaum ein gutes Haar. Von den rund 100 Frauen, die er kenne, "beantragen 70 keinen Pass". Sie würden damit in die Illegalität gedrängt.

"Ziel des Prostituiertenschutzgesetzes ist es insbesondere, das Selbstbestimmungsrecht von Menschen in der Prostitution zu stärken", sagt Christian Britzke. Ein wichtiger Bestandteil des Anmeldeverfahrens sei ein vertrauliches Beratungsgespräch. Die ein Mal im Jahr vorgeschriebene Gesundheitsberatung macht das städtische Gesundheitsamt. Es geht dabei unter anderem um allgemeine Krankheitsverhütung, sexuell übertragbare Krankheiten wie HIV und Kondompflicht. Es wird über Gewalt und Zwang, Drogen und Hilfsangebote gesprochen.

Frauen ist Anonymität wichtig

Die Info-Gespräche gestalten sich nicht immer einfach. "Viele Frauen können sich schlecht in deutscher Sprache verständigen", sagt Britzke. Die Stadt Heilbronn setze deshalb "kulturelle Mittler" hauptsächlich in Bulgarisch, Polnisch und Rumänisch und in jedem vierten Fall neutrale Dolmetscher ein. Zweierlei fällt bei den bisher 49 Beratungen auf. Der Wissensstand der Frauen zu diesen Themen ist Britzke zufolge sehr unterschiedlich. Und: Wichtig ist den Frauen Anonymität.

Das bestätigt der 43-jährige Betreiber von Sex-Stätten. Viele Frauen wollten ihren Namen nicht preisgeben. Ihnen sei häufig nicht bekannt, dass sie zusätzlich zur Anmeldebescheinigung auch einen Schein mit Alias-Namen bekommen können, auf dem nur der Arbeitsname mit Geburtsdatum steht.

Gegen Menschenhandel vorgehen

Als Betreiber muss er für jedes Haus ein Betriebskonzept vorlegen. Darin soll unter anderem stehen, wie lange Freier bleiben, wo die Frauen herkommen, ob es einen Sicherheitsdienst im Haus gibt, welche Dienstleistungen genau angeboten werden. Außerdem sei nachzuweisen, dass die Frauen nicht in den Zimmern wohnen und schlafen, in denen sie arbeiten. "Wo sollen sie das Geld für ein zweites Zimmer oder eine Wohnung hernehmen?", fragt er. Ihm zufolge würden legale Betriebe gegängelt. Das Gute: Die Betriebserlaubnis für Prostitutionsstätten kann einschlägig Vorbestraften verweigert werden.

Alexandra Gutmann von der Mitternachtsmission des Diakonischen Werks Heilbronn bricht eine Lanze für das Prostitutionsschutzgesetz: "Ich finde es gut, dass ein Gesetz das Ziel hat, Menschenhandel zu begrenzen." Darunter fällt auch die Ausbeutung von Menschen. Stichwort Armutsprostitution. Die Mitternachtsmission kümmert sich um Prostituierte in Heilbronn. Eine Frau, die sich seit 20 Jahren als Prostituierte sehe, fühle sich durch die Bestimmungen eher gegängelt. Gerade jungen Frauen, die neu ins Gewerbe einsteigen, biete es jedoch eine Chance, sich über Rechte und Hilfsangebote zu informieren.

Zahlen aus anderen Städte

Prostitution ist laut einer Verordnung der baden-württembergischen Landesregierung in Städten mit weniger als 35 000 Einwohnern verboten. Städte mit vergleichbarer Größe wie Heilbronn geben zwischen November 2017 und Ende Januar 2018 folgende Zahl von Anmeldebescheinigungen aus: Der Landkreis stellt für die Stadt Reutlingen 93 Huren-Pässe aus. In der Stadt Pforzheim sind es in diesem Zeitraum 54 Bescheinigungen an Prostituierte, in der Stadt Ulm sind es 152.