Wie viele Supermärkte verträgt der Mensch?

Region  Vielerorts gibt es im Weinsberger Tal und im Schozach- und Bottwartal Pläne für Vollsortimenter oder Discounter - doch nicht überall darf gebaut werden. Der Regionalverband wacht darüber.

Von Anja Krezer

Wie viele Märkte verträgt der Mensch?

Das neue Kaufland in Ilsfeld eröffnete im Sommer diesen Jahres.

 

Ein recht neuer Rewe-Markt in Beilstein, ein größeres Kaufland in Ilsfeld, jetzt erst Spatenstich für einen neuen Edeka in Ellhofen, Neubaupläne in Untergruppenbach oder Lehrensteinsfeld: Supermärkte und Discounter machen mobil im Weinsberger Tal sowie im Schozach- und Bottwartal. Warum gerade hier? Und: Wie viel Einkauf verträgt der Mensch?

Steht ihm der Sinn nach Discounter oder Vollsortimenter? Will er nach Weinsberg, oder kauft er in Obersulm ein? Fährt er kurz rüber nach Ellhofen? Der Lehrensteinsfelder hat die Qual der Wahl - aber keine Einkaufsmöglichkeit vor Ort.

Einkaufsmöglichkeit für Lehrensteinsfeld

Das soll sich ändern: Der Discounter Norma will sich mit einer Verkaufsfläche von 1000 Quadratmetern im künftigen Gewerbegebiet "Neuwiesen" ansiedeln. Eigentlich eine Nummer zu groß für das 2450-Seelen-Dorf. Aber: "Die Grundversorgung in den Kommunen soll gesichert sein", sagt Sascha Weisser, leitender Planer beim Regionalverband Heilbronn-Franken und zuständig für die Einzelhandelssteuerung in Stadt- und Landkreis Heilbronn. Damit der Lehrensteinsfelder seine Lebensmittel vor Ort kaufen kann, wird der Verband wohl großflächigen Einzelhandel (über 800 Quadratmeter) erlauben.

Wie viele Märkte verträgt der Mensch?

Derzeit wird in Lehrensteinsfeld das Gewerbegebiet "Neuwiesen" erschlossen. Hier will sich der Discounter Norma ansiedeln.

Fotos: Archiv/Veigel, Stockburger

 

An anderer Stelle gibt es aber auch noch kleinere Märkte, etwa den Netto in Ellhofen. In Ellhofen ist seit Jahrzehnten auch Edeka mit 2500 Quadratmetern ansässig - eine Größe, die heute in einem Ort wie Ellhofen mit rund 3500 Einwohnern nicht mehr genehmigt würde. (Nur zurzeit sind es weniger, weil es zwischen Abriss des alten und Eröffnungen des neuen Edeka-Marktes einen Zeltverkauf gibt.

Regionalverband wacht über Standorte

Warum ein Vorhaben an einer Stelle erlaubt wird und an anderer nicht: Darüber wacht der Regionalverband. Er tut dies mit Hilfe von Vorgaben des Landes, mit Hilfe dessen, was im Regionalplan steht, mir seinen eigenen Erhebungen und mit Hilfe von externen Analysen - etwa von der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA). Wird irgend wo in der Region ein neuer Markt geplant, ist der Verband involviert (siehe auch unten).

Die GMA schreibt in ihrem Gutachten zum Lehrensteinsfelder Vorhaben allgemein über den Lebensmitteleinzelhandel: "Die Dynamik in der Branche ist ungebrochen." Dies bestätigt Regionalverbandsfachmann Weisser: "Es ist sehr viel Bewegung drin." Eine Einzelhandelsimmobilie sei eine lukrative Anlageform. Unter anderem wegen der demografischen Entwicklung müssen Märkte zum Teil umgebaut werden: breitere Gänge, niedrigere Regale. Weil Vollsortimenter zulegen, müssten Discounter reagieren.

Großes Potenzial - auch wegen der Wirtschaftskraft

Speziell fürs Weinsberger Tal sowie das Schozach- und Bottwartal mit ihren verkehrsgünstig an den Autobahnen 6 und 81 gelegenen Orten gelte: "Dieser Raum hat, was die Bevölkerung und die Wirtschaftskraft betrifft, ein großes Potenzial." Er vertrage offenbar "die Zahl der Märkte, sonst hätten die Ketten kein Interesse". Jedoch: "Wir sagen nicht zu allem Ja und Amen."

Wie viele Märkte verträgt der Mensch?

Aus regionalplanerischer Sicht sei die derzeitige Situation "verträglich" - Weisser schränkt aber ein: "Noch." Manche Orte seien von der Versorgung her sicher in einem "grenzwertigen Bereich - aber nicht überversorgt". Dort, wo "die Ausstattung schon sehr gut ist, schauen wir sehr genau hin" - Stichwort Ilsfeld oder Ellhofen. Andererseits gebe es durchaus Kommunen, "in denen noch Luft ist". Eine mittlere Ausstattung bescheinigt Weisser etwa Obersulm. Auch dort gebe es noch "gewisse Potenziale".

Boom der Branche - und der Raumschaft

Im Moment boomt die Branche und boomt der Raum. Was aber, wenn die große Sause in der Gegend vorbei ist - sind dann Leerstände zu befürchten? "Davon gehe ich nicht aus", sagt Planer Sascha Weisser. Zum einen seien Mietverträge für derartige Immobilien in der Regel langfristig abgeschlossen, "mindestens 15 Jahre".

Außerdem: "Mittelfristig gehen wir von stabilen Bevölkerungszahlen in diesem Teilraum der Region aus." Zudem glaubt Weisser nicht, dass sich an den raumplanerischen Vorgaben des Landes in absehbarer Zeit Gravierendes ändern werde.

Konkurrieren um einen Markt

Beim Ziel des Regionalverbands, "ausgewogene Nahversorgungsstrukturen zu schaffen", gehe es immer auch darum, "den Gesamtrahmen im Auge zu behalten". Was mitunter nicht ganz einfach sein dürfte. Manchmal konkurrieren die Interessen: So bescheinigt die GMA "Obersulm und Löwenstein zusammengenommen zusätzliches Potenzial für einen weiteren Standort" - aber wo? Beide Kommunen wollen einen Markt haben. Lösen müssen sie das Problem allerdings gemeinsam, weil sie für dieses Ansinnen ihren gemeinsamen Flächennutzungsplan fortschreiben müssen.


Wie der Regionalverband vorgeht: Raumordnung nicht mit dem Taschenrechner

Wie sich der Regionalverband Heilbronn-Franken als zentrales Steuerungsinstrument zu einer geplanten Einzelhandelsansiedlung positioniert, hängt von verschiedenen Faktoren ab. So sind die raumplanerischen Vorgaben des Landes Baden-Württemberg zu beachten: der Landesentwicklungsplan und der Einzelhandelserlass. 

Eine weitere Grundlage ist der Regionalplan Heilbronn-Franken. Eine Rolle spielt, wie die Kommune eingestuft ist: Ist sie ein Ober-, Mittel-, Unter- oder Kleinzentrum? Oder nicht mal Letzteres?

Zudem greift der Regionalverband nach Angaben des leitenden Planers Sascha Weisser auf externe Analysen zurück, und er legt verschiedene Werte zugrunde. Beispiel: Für die Einschätzung, ob die Versorgung einer Kommune mit Lebensmittelverkaufsfläche ausgewogen ist, werden überschlägige Kennziffern eingesetzt. "Eine Gemeinde mit 5000 Einwohnern verträgt über den Daumen gepeilt etwa 1900 Quadratmeter Verkaufsfläche." 

Der Verband mache aber keine Raumordnung mit dem Taschenrechner. Für die Einschätzung, ob ein Vorhaben genehmigungsfähig ist oder nicht, spiele auch die Lage des geplanten Objekts, die Art des Marktes, die Ausstattung der Nachbarkommunen oder die Bevölkerungsentwicklung eine Rolle.

Diese Anhaltspunkte fließen ein in die vier Bewertungskriterien:

Konzentrationsgebot:

Dies besagt, dass großflächige Einzelhandelsbetriebe nur in Unter-, Mittel- oder Oberzentren zulässig sind. Ausnahmen sind möglich, wenn die Grundversorgung nicht gesichert ist - so wie etwa in Lehrensteinsfeld beim Norma-Vorhaben.

Integrationsgebot:

Dieses Gebot besagt, dass ein Standort städtebaulich integriert sein soll. Also: Je zentraler, desto besser. Spezifische örtliche Gegebenheiten werden jedoch berücksichtigt.

Kongruenzgebot:

Mindestens 70 Prozent des Umsatzes sollen aus der Standortgemeinde kommen. Um beim Beispiel Lehrensteinsfeld zu bleiben: Laut Analyse der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA) stammen 83 bis 84 Prozent des erwarteteten Umsatzes aus Lehrensteinsfeld. Das Kongruenzgebot ist also eingehalten. Das Kaufkraftniveau der Lehrensteinsfelder liegt zehn Prozent über dem Bundesschnitt.

Beeinträchtigungsverbot:

Demnach darf ein Vorhaben keine gravierenden Auswirkungen auf die Ortsmitte und die Einzelhandelsbetriebe ringsum haben. Nochmal Lehrensteinsfeld: Die GMA-Analyse kommt zum Schluss, dass durch die Norma-Ansiedlung sechs bis sieben Prozent der bestehenden Umsätze aus Ellhofen und fünf Prozent aus Willsbach abwandern - laut GMA keine Werte, durch die das Projekt infrage gestellt werden könnte.