Angela Merkels Gipfel hilft Roswitha Keicher

Angela Merkels Gipfel hilft Roswitha Keicher
Sprachkurse für Migranten (wie hier bei der Arbeiterwohlfahrt) sind nur ein Aspekt der Integrationspolitik − aber ohne sie geht gar nichts.Foto: Archiv/Dirks 

Die - War’s nur eine Plauderstunde mit der Kanzlerin oder hat der fünfte Integrationsgipfel bei Angela Merkel etwas gebracht? Über den Gipfel sprach unsere Redakteurin Iris Baars-Werner mit der Heilbronner Integrationsbeauftragten Roswitha Keicher.

Den Integrationsgipfel bei Angela Merkel hat die Opposition als Kaffeekränzchen ohne Wirkung bezeichnet. Teilen Sie die Kritik?

Roswitha Keicher: Solche politischen Auseinandersetzungen möchte ich nicht kommentieren. Grundsätzlich gilt aber: Ein Gipfel ist ein Forum zum Austauschen, kein nationaler Aktionsplan; das muss man trennen. Es gibt nicht so viele Foren für die Akteure der Integration auf Augenhöhe mit der Kanzlerin.

Sagt der Gipfel auch etwas aus über den Stellenwert des Themas?

Keicher: Wird Integration auf Bundesebene thematisiert, ist das Thema wieder aktuell in der Diskussion. Integrationsarbeit ändert sich aber nicht schlagartig aufgrund von Gesprächen. Natürlich müssen den Ankündigen auch Maßnahmen folgen.

Erleichtert es Ihre Arbeit, dass im Bund und Land Integration inzwischen von oberster Stelle als wichtige Aufgabe angesehen wird?

Keicher: Einerseits nein, weil die Finanzen und die Strukturen häufig noch fehlen, da muss die Kommune immer noch in Vorleistung gehen. Andererseits gilt: Dass das Thema ganz oben angekommen ist, das hat meine Arbeit enorm erleichtert. Sonst wäre zum Beispiel politisch schon meine Stelle gar nicht eingerichtet worden. Integration hat jetzt eine Wertigkeit, man erkennt die Komplexität, auch, dass nicht nur auf Migrantenseite eine Veränderung notwendig ist, sondern auch vom Staat: Transparenz, Klarheit, Vereinfachung von Regelungen.

Der Bund wirbt dafür, dass mehr Migranten im öffentlichen Dienst arbeiten. Überspitzt gesagt: nicht nur als Müllmänner, sondern als Polizisten, Lehrer, Staatsanwälte. Ist das für Migranten wichtig?

Keicher: Wir brauchen auch da Vorbilder für junge Migranten. Als Signal: Wir brauchen euch nicht nur im produzierenden Gewerbe oder als Dienstleister, wir brauchen euer Potenzial, eure Mehrsprachigkeit. Der öffentliche Dienst hat für Migranten eine ganz andere Wertigkeit: Wir sind beim Staat angekommen.

Sagt es etwas aus über den Erfolg von Integration?

Keicher: Zum Teil. Partizipation ist dann erreicht, wenn der Bevölkerungsanteil sich auch abbildet in den Berufen. Davon sind wir noch weit entfernt. Da muss man genau hinschauen: Handelt es sich um Vorurteile von Personalabteilungen? Oder erreichen wir die Leute noch nicht?

Jedes Jahr treffen sich die Integrationsbeauftragten bundesweit. Welches Anliegen ist Ihnen beim nächsten Termin in diesem Frühjahr wichtig?

Keicher: Mehr Dialog. Bisher hatte das immer den Charakter von Workshops mit dem Austausch über gute Beispiele. Wünschenswert wäre, dass der Bund noch stärker für die Problemlagen hier vor Ort sensibilisiert werden könnte.

Welches Problem würden Sie gerne ansprechen?

Keicher: Im Bereich Gesundheit fehlen Strukturen: Welche Leistungen sind abrechenbar, wenn wir Dolmetscher und Vermittler brauchen in den Arztpraxen, den Kliniken, bei der Anamnese, bei der Verordnung von Medikamenten? Broschüren reichen da nicht. Es gibt keine Kostenübernahmen für Übersetzungen, weder von der Krankenkasse noch vom Bund.

Wie sähe Abhilfe aus?

Keicher: Das Rad ist schon erfunden. In Niedersachsen beispielsweise gibt es Pools, ein sogenanntes ethnisch-medizinisches Zentrum, Bayern ist auch so weit, Baden-Württemberg ist am planen. Diese Pools sorgen für die Ausbildung der Mittler und Dolmetscher, dass die sich sprachlich in dem Spezialbereich Medizin, Pflege, Therapie in den speziellen Kulturkreisen auskennen. Da geht es um Medikamente, aber auch Aussagen über Krankheiten, wenn diese dämonisiert oder tabuisiert sind.

Ist das Zusammenleben von Migranten und Einheimischen mit den Jahren besser oder schlechter geworden?

Keicher: Besser, auf jeden Fall. Aber: Was lange Zeit vernachlässigt wurde, können wir nicht auf einmal beheben. Wir sind immer noch ziemlich alleingelassen: Eine Kommune mit vielen Migranten bekommt keine größere Förderung wie eine mit kleinem Anteil.




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