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Politik-Professor Hans-Georg Wehling: Bewerber müssen Distanz zur Politik zeigen

In Neckarsulm beginnt am kommenden Dienstag die Bewerbungsfrist für die Oberbürgermeister-Wahl am 27. Juli. Professor Hans-Georg Wehling äußert sich zur OB-Wahl

Wer wird im Neckarsulmer Rathaus Nachfolger von OB Volker Blust? Ab Dienstag kann man sich offiziell bewerben.Foto: Archiv/Seidel

In Neckarsulm beginnt am kommenden Dienstag die Bewerbungsfrist für die Oberbürgermeister-Wahl am 27. Juli. Klaus Grabbe (56) und Joachim Scholz (45) haben ihren Hut bereits in den Ring geworfen und werden von Parteien unterstützt. Über die Eigenschaften eines möglichen Siegers und die Rolle der politischen Parteien hat Reto Bosch mit Politik-Professor Hans-Georg Wehling (Foto: privat) gesprochen.

Herr Wehling, die Kandidaten Klaus Grabbe (SPD) und Joachim Scholz (CDU, FWV, FDP) werden von Parteien unterstützt. Lassen sich Wähler davon beeinflussen?

Hans-Georg Wehling: Nicht unbedingt. Da spielen auch andere Faktoren eine Rolle.

Die Unterstützung kann aber für den Wahlkampf wertvoll sein.

Wehling: Das stimmt. Etwa bei der Organisation von Veranstaltungen, beim Plakatieren oder finanziell.

Klaus Grabbe ist in Neckarsulm bekannt, hat sich als amtierender Baubürgermeister einen Namen gemacht. Vor- oder Nachteil?

Wehling: Die Erfahrung zeigt, dass das eher ein Nachteil ist. Es gibt viele Beispiele im Land, die das belegen. Die Bürger wünschen sich neue Verhältnisse. Wenn ein Kandidat schon mitverantwortlich für den Kurs einer Kommune war, hat er sich zwar Freunde, aber auch Feinde gemacht. Bürgermeister-Bewerber kommen am besten von außen.

Joachim Scholz ist Bürgermeister in Steinheim. Er hatte in Schorndorf bei der OB-Wahl kandidiert und hat dort ganz knapp verloren. Schadet ihm das?

Wehling: Ein Verlierer-Image ist für Bewerber eine Hypothek. Ganz enge Wahlniederlagen sind aber noch verkraftbar.

Wie alt ist ein Ideal-Bewerber?

Wehling: Anfang, Mitte 40 ist optimal. Zwei Amtsperioden mit je acht Jahren sollten möglich sein. Bürger wollen sehen, dass Pläne und Versprechungen umgesetzt werden können.

Welche Eigenschaften sollten Bewerber mitbringen?

In der Ballei, dem städtischen Veranstaltungszentrum, werden sich die Bewerber den Bürgern bei Kandidatenvorstellung und Stimme-Forum präsentieren.Foto: Archiv/Kugler
Wehling: Die Menschen wünschen sich, dass sich die Kandidaten mit der Verwaltung auskennen, zum Beispiel ein Fachhochschul-Studium vorweisen. Bürgermeister sollten Visionen entwickeln und erklären können, wie sie die Kommunen weiterbringen wollen. Sie müssen mit Menschen umgehen können, ehrlich sein, dürfen sich nicht verstellen. Bewerber können Mitglied einer Partei sein, müssen aber Distanz zeigen. In Baden-Württemberg gibt es die Tendenz, zwischen Bürgermeistern und Gemeinderäten zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen. Das fällt leichter, wenn der Rathauschef parteipolitisch nicht so stark profiliert ist.

Wir haben über das Profil von Kandidaten gesprochen. Was macht denn eine Kommune attraktiv?

Wehling: Möglichst großer Gestaltungsspielraum. Und da muss natürlich die Finanzsituation passen. Wichtig ist auch, ob die politischen Entscheidungsträger harmonieren oder zerstritten sind. Eine Rolle spielt auch das Stadtbild: hässlicher Industrieort oder Schmuckstück.

Wie stark ist die Stellung der Bürgermeister in Baden-Württemberg?

Wehling: Sehr stark. Die Gemeindeordnung billigt einem Bürgermeister viele Rechte zu. Er ist Chef der Verwaltung, seine Mitarbeiter, auch die Beigeordneten, sind weisungsgebunden. Außerdem ist ein Bürgermeister Vorsitzender des Gemeinderats und stimmberechtigt. Dazu kommt, dass er die Kommune in rechtlichen Fragen vertritt und diese nach außen repräsentiert. Das bringt ihm Vorteile bei Verhandlungen und Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit.

Neckarsulm wird einen starken Bürgermeister brauchen. Trotzdem: Ist die Machtfülle in diesem wichtigen Amt nicht zu groß?

Wehling: Das würde ich nicht sagen. Bürgermeister wissen sehr genau, dass ihre Entscheidungen durch Bürgerentscheide korrigiert werden können – mit entsprechendem Prestigeverlust. Außerdem wollen sie in der Regel wiedergewählt werden.


 


 
 
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