Raus aus der Isolation

Von unserer Redakteurin Vanessa Müller

Raus aus der Isolation
Großer Traum Ausbildung: Damaris Reimold (links) aus Kamerun und Alexandra Ilona Rus aus Rumänien mit ihrer kleinen Tochter. Foto: Vanessa Müller 

Eppingen - Als Alexandra Ilona Rus vor knapp vier Jahren nach Deutschland kommt, ist die Welt für sie vor allem zwei Dinge: laut und unverständlich. "Ich bin aus Rumänien weggegangen, weil ich gehofft habe, hier Arbeit zu finden", erzählt die heute 23-Jährige. "Ich hatte Glück, der Traum ist schnell in Erfüllung gegangen." Bald findet sie einen Job in einer Eppinger Kneipe. Aber jeden Abend, wenn die Gäste um sie herum reden und Späße machen, wird Alexandra Ilona Rus hinter der Theke ein kleines bisschen kleiner. "Ich habe geglaubt, die Leute lachen mich aus", erinnert sie sich. "Ich habe ja kaum verstanden, um was es in den Gesprächen geht."

Verloren Ganz ähnlich fühlt sich auch die 28-jährige Damaris Reimold, die etwa um die selbe Zeit aus Kamerun in den Kraichgau kommt. "Mit den wenigen Deutschkenntnissen, die ich hatte, war ich total verloren. Ich konnte ja kaum fragen, wo der Bäcker ist." Beide Frauen entschließen sich, einen Integrationskurs Deutsch bei der Eppinger Volkshochschule (VHS) zu belegen. Die richtige Investition in die Zukunft, wie sie heute wissen. Produktionshelferin Damaris Reimold würde gerne eine Schneiderlehre beginnen. Alexandra Ilona Rus, mittlerweile Hausfrau und Mutter zweier Kinder, träumt von einer Ausbildung zur Politesse. Berufe, die ohne Sprachkenntnisse nicht zu machen sind. Und noch einen Grund gibt es für die Rumänin: "Wenn meine Tochter in den Kindergarten kommt, soll sie richtig Deutsch sprechen", sagt sie. "Damit sie sich nie so fühlen muss, wie ich damals."

Für dieses Ziel arbeiten die Frauen hart. Der gesetzlich festgelegte Integrationskurs umfasst 600 Unterrichtseinheiten. Die Teilnehmer aus aller Herren Länder brüten an drei Abenden die Woche vier Stunden lang nicht nur über deutschen Vokabeln, sondern auch über Wissenswertes aus Rechtsordnung, Geschichte, Kultur und Politik. Auch deutsche Normen und Werte stehen auf dem Stundenplan. "Es ist Wahnsinn, was die Teilnehmer neben Beruf und Familie stemmen", sagt VHS-Leiterin Barbara Weber-Buer. Deutlich erinnert sie sich an eine Türkin, die vor einiger Zeit in Tränen aufgelöst zu ihr kam, weil sie nicht glaubte, den Anforderungen mit ihren sechs Kindern gerecht werden zu können. "Ich habe ihr gut zugesprochen", sagt sie. "Das hat gewirkt. Heute fällt sie mir jedes Mal, wenn wir uns sehen, um den Hals und bedankt sich." Die Frau fühle sich dank des Kurses endlich in Deutschland angekommen.

Heimat Doch aufgeben bedeutet für viele der Schüler nicht nur gesellschaftliche Isolation. Wer die Prüfung am Ende nicht besteht, bekommt unter Umständen auch keine Aufenthaltsgenehmigung. Eine Angst, die Damaris Reimold, die den Kurs freiwillig und nicht auf Druck der Ausländerbehörde besucht, glücklicherweise nicht im Nacken sitzt. "Deutschland zu verlassen wäre für mich unglaublich schwer", sagt sie. Hier lebe ich mit meinem Mann und meinem Kind, hier habe ich Freunde gefunden." Dann erinnert sie sich an ihren letzten Besuch bei ihrer Mutter in Kamerun und muss plötzlich lachen. "Du bist schon eine richtige Deutsche", habe sie zu ihr gesagt. "Viel zu ordentlich und so pünktlich."




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