Heimkehr eines Reisenden

Geselle Thilo Juhnke beendet seine dreijährige Wanderschaft

Von unserem Redaktionsmitglied Steffen Heizereder

Heimkehr eines Reisenden
Mutter Sabine Höfle begrüßt ihren Sohn Thilo Juhnke.

Zaberfeld - Ungeduldig wartet Sabine Höfle. Geht auf und ab. Eigentlich müsste ihr Sohn Thilo Juhnke doch schon längst da sein. Dreieinhalb Jahre war der 27-Jährige aus dem Zaberfelder Ortsteil Michelbach auf der Walz. Bei seiner Rückkehr am Samstag ließ der Wandergeselle jedoch erst einmal auf sich warten. "Das wär ja das erste Mal, dass er pünktlich kommt", scherzt Julia Piastowski, die Schwester des Heimkehrers.

Nervosität Mutter Sabine Höfle wird zunehmend ungeduldig. Ihre Nervosität ist spürbar. "Sollen wir ihm entgegen fahren?", fragt sie. Nein, das erlaubt das Brauchtum nicht. Die frohe Botschaft kommt von vorbeifahrenden Autofahrern. Eine Gruppe Zimmerleute und anderer Handwerker sei nur noch wenige Minuten entfernt, sagen sie. Die zwölf weiteren Wandergesellen gehören wie Thilo Juhnke der Gesellenvereinigung der Rolandsbrüder an, sie haben sich dem 27-Jährigen angeschlossen. Sie begleiten ihn bei der sogenannten Heimtippelei in seinen Heimatort.

"Da sind sie", ruft es aus der wartenden Menge. Schon von weitem sind die Rolandsbrüder zu hören. Sie singen Volkslieder, laufen über Stock und Stein. Dann sind sie da, erreichen das Ortsschild von Michelbach. Unruhig wartet Sabine Höfle auf ihren Sohn. Nach dreieinhalb Jahren wünscht sie sich nichts sehnlicher, als ihn in den Arm zu nehmen. Aber sie darf noch nicht zu ihm. Der Brauch verlangt, dass der Zimmermann erst über das Ortsschild klettert. Erinnerungen werden wach. So hatte die Walz von Thilo Juhnke begonnen. "Das war für mich das Schlimmste. Als er übers Ortsschild kletterte und sich nicht mehr umdrehen durfte", sagt die Mutter. Mit vereinten Kräften helfen die übrigen Wandergesellen Heimkehrer Juhnke auf das Schild. Oben angekommen ein Moment der Ruhe. Der letzte an diesem Abend.

Freudentränen Es ist soweit. Mutter Sabine Höfle darf ihren Sohn in die Arme schließen. Tränen der Freude fließen. Thilo Juhnke ist umringt von Familie und Bekannten. Viele sind gekommen. "Das ist alles etwas viel", sagt der 27-Jährige.

Noch ist das Ritual des Heimkehrens von der Walz nicht vorbei. Bevor Thilo Juhnke auszog, hat er am Ortsschild eine Flasche vergraben. Der Inhalt: Eine Karte, die den Weg zeigt, den der Geselle auf der Walz zurücklegen möchte. Mit Spaten und Hacke macht sich der Zimmermannsgeselle an die Arbeit, die Flasche wieder aus dem Erdreich zu holen. "Hat jemand einen Bagger?", fragt er scherzhaft. Gefunden. Die lange vergrabene Flasche. Neugierig schauen er und seine Weggefährten die Karte an. Die aufgezeichneten Wünsche hat er sich erfüllt.

Freundschaft Thilo Juhnke ist viel herumgekommen. Bis nach Südafrika hat es ihn verschlagen. Einen Großteil der Wegstrecke hat er mit Andreas Schiffer geteilt. Zusammen waren sie in Skandinavien und Großbritannien. Es heißt Abschied nehmen. "Das ist nicht ohne. Als wir in Michelbach angekommen sind, hatte ich schon einen Klos im Hals", sagt Schiffer. Doch er ist sich sicher, in Thilo Juhnke einen Freund fürs Leben gefunden zu haben.

Mutter Sabine Höfle befürchtet derweil, dass sich ihr Sohn in seiner alten Heimat nicht mehr zurecht findet. Für Thilo Juhnke allerdings ist ein Kindheitstraum in Erfüllung. Schon als kleiner Junge, wollte er nur eins: Als Zimmermann auf die Walz gehen.

Heimkehr eines Reisenden
Thilo Juhnke sucht nach der vergrabenen Flasche.
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Auch das gehört zum Brauchtum dazu. Handwerker, die von der Walz zurückkehren, müssen über das Ortsschild klettern.Fotos: Steffen Heizereder