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Eine Fahrt durch die Zeit
Von Angela Groß
Afrikareise - Die Zeit tickt anders in Afrika, auf die Minute kommt es dort nicht an. Nach 15 Monaten unterwegs, elf afrikanischen Ländern und 35 000 Kilometer mehr auf dem Tacho, stellten Bernhard und Tanja Kiesow ihren Landcruiser in Malawis Hauptstadt Lilongwe ab, flogen für einen Zwischenstopp hierher zurück, um Familie und Freunde in die Arme zu schließen.
Es hat nicht besonders lange gedauert, bis die beiden wieder auf deutsche Zeit getaktet waren. Kaum gelandet, hatten sie genau drei Minuten, um ihren Anschlusszug zu bekommen. „Wir mussten wieder lernen, was eine Minute ist“, sagt Bernhard Kiesow, „der Rhythmus in Afrika ist ein ganz anderer“.
Die neue Zeitrechnung hat für Kiesows an jenem 10. Oktober 2006 angefangen, als sie aus ihrer bisherigen Spur ausscherten. Ihre Wohnung in einem Aussiedlerhof in Nordheim tauschten sie gegen ein rollendes Zuhause, einen Toyota Landcruiser, ein. Der Internist, der viel Zeit und Arbeit in den Aufbau seiner Praxis in Nordheim investiert hatte, verkaufte alles. Sie suchte für ihre Tochter Jana (damals 19) eine Wohnung und verabschiedete sich von ihrem Kindergarten in Leingarten. Offen für Neues, bereit, das Alte hinter sich zu lassen, so sind sie abgeflogen und sie denken immer noch so. Wenn das Kapitel Afrikareise eines Tages geschlossen ist, werden sie das nächste aufschlagen. Neuanfang in Deutschland? Im Ausland? „Irgendetwas wird sich ergeben. Man kann alles regeln“, sagt Bernhard Kiesow, „egal wie es kommt, es geht weiter“, ergänzt seine Frau. Reisen, wie die Kiesows, langsam, von Ort zu Ort, sich in Ruhe alles anschauen zu können, das geht nur ohne Rückflugticket. „Es sind oft die interessantesten Orte, die nicht im Reiseführer stehen“, sagt der Arzt. Besonders beeindruckt hat ihn die Fahrt von Äthiopien nach Kenia, am Turkanasee entlang. Dort leben viele Völker sehr traditionell. In Kontakt mit dem Fremden zu kommen, das fällt ihnen nicht mehr schwer. Langsam, sich vorsichtig nähern – „nicht reinplatzen“, so machen sie es. Dann ergeben sich Begegnungen, bitten immer wieder Menschen in ihre Häuser und teilen ihre Zeit mit den Weißen aus Europa. Verrückte Sachen sind passiert. In einem Massai-Dorf wurden Kiesows etwa aufgefordert, einem Neugeborenen einen Namen zu geben. Spontan entschieden sie sich in dem christlichen Umfeld für Maria.
Und Äthiopien, dieses ostafrikanische Land. Überraschend bergig, grün, fruchtbar, hat es ihnen besonders angetan. Ein Land voller Überraschungen, das „ganz anders ist als man es sich vorstellt“, sagt die Erzieherin. Das Interesse der beiden geht über das von Otto Normalurlauber hinaus, sie wollen „wissen, wie ein Land funktioniert“. Unterwegs die Tageszeitungen zu lesen, Kontakte zu Einheimischen und anderen Reisenden zu knüpfen, sich im Internet über Unruhen und Konflikte zu informieren, ist Tagesgeschäft. Was sie erleben, wird verarbeitet – in flott geschriebenen Reiseberichten und aufregenden Fotos, die im Internet (www.hinter-dem-horizont.net) mittlerweile eine Fangemeinde haben. Über die Zukunft des schwarzen Kontinents und seine Menschen gibt es nicht „viel Optimistisches zu berichten“. Gewaltig die Probleme, die sich keinesfalls durch Entwicklungshilfe lösen lassen. Viele, viele Gedanken haben sie sich über die fremde Unterstützung gemacht. Grob vereinfacht, kommen sie zu dem Schluss, dass „Entwicklungshilfe nicht nur nichts hilft, sondern schadet. Die Eigeninitiative wird unterdrückt“, sagt der Arzt. Einerseits.
Andererseits haben sich für sie Vorurteile bestätigt, die sie eigentlich widerlegen wollten. Die Sache mit der Mentalität. „Viele Menschen in Afrika haben nie gelernt, Verantwortung zu übernehmen“, sagt Tanja Kiesow. Bedrückung. Zorn. Traurigkeit. Diese Gefühle beschleichen die beiden gelegentlich, wenn sie sehen, wie Dinge verrotten, die mit einfachen Mitteln zu reparieren wären. Wenn sie sehen, dass es an den elementarsten Strukturen fehlt, die notwendig sind. Bildung etwa. Am 11. Januar geht es wieder zurück, in die andere Zeit. Mosambik, Südafrika, Swasiland, Lesotho, Namibia, Botswana, Sambia.
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