Tabuthema mit vielen Fragen

Von unserer Mitarbeiterin Uschi Jonas

Tabuthema mit vielen Fragen

"Die Hauptauswahlkriterien sind vor allem Wartezeit, Dringlichkeit und Bedürftigkeit."

Urs Riemann

 

Schwaigern - Organspende ist ein Thema, über das viele Menschen offensichtlich nicht gerne reden, denn es hat mit Tod und Sterben zu tun: "Aber dieses Verhalten ist völlig legitim", so Dr. Urs Riemann, Facharzt für Innere Medizin und ehemaliger Leiter des Ethikrats der SLK-Kliniken. Die Stettener Landfrauen hatten ihn eingeladen, um zum Thema "Organspende bewahrt Leben. Vielleicht auch mein eigenes?" zu referieren. Die Veranstaltung im Nebenraum der Mehrzweckhalle war gut besucht. Und der Mediziner band die Zuhörer in seinen Vortrag immer wieder mit ein.

Priorität Eines stellte Riemann gleich zu Beginn klar: "Es gibt viele Möglichkeiten, das Thema zu sehen." Hierbei stellten sich Fragen, wie nach der Priorität von Lebensqualität oder Lebenszeit, und ob das Entnehmen von Organen den religiösen Ansichten des potenziellen Spenders widerspricht. Außerdem gelte es, die Frage zu klären, wer es überhaupt verdient habe, ein Organ transplantiert zu bekommen: "Die Hauptauswahlkriterien", so Riemann, "sind vor allem Wartezeit, Dringlichkeit und Bedürftigkeit". "Der wissenschaftliche Fortschritt wurde früh abgearbeitet. Nun ist es seit einigen Jahren Aufgabe, der herrschenden Mangelsituation Herr zu werden", erläuterte der Fachmann und wies auf einen Gesetzentwurf hin, nach dem jeder deutsche Staatsbürger zumindest einmal in seinem Leben mit der Frage konfrontiert werde, ob er Organspender sein möchte oder nicht. Die Wartezeit für eine Spenderniere liege derzeit bei fünf Jahren. Auf eine Million Menschen kommen nach seinen Worten in Deutschland nur 13 Organspender.

Initiative Für die Region Heilbronn wurde eine Initiative gegründet, die kostenlose Beratungsgespräche zur Organspende, aber auch zur Patientenverfügung anbietet. "Seitdem wurden Tausende Beratungsgespräche geführt", zeigte sich Riemann zufrieden mit der Entwicklung. Er betont die Wichtigkeit von Aufklärungsgesprächen: "Man muss sich bewusst machen, dass das eigene Entscheiden zu Lebzeiten im Todesfall eine starke Entlastung für die Angehörigen darstellen kann." In Deutschland seien 80 Prozent der Bürger bereit, sich ein fremdes Organ transplantieren zu lassen, selber spenden wollen hingegen nur 15 Prozent.

Die Frage, ob Organspende jemals als Zukunftsmedizin zu sehen ist, beantwortet Riemann mit einem klaren Nein. "Organspende ist nur die Spitze des Eisbergs. Da müssen so viele Faktoren beachtet werden und passen, dass es niemals genügend Spenderorgane geben wird."




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