Ein Klumpen entpuppt sich als Knochen

Grabungen im Neubaugebiet „Kappmannsgrund - Ost“ laufen auf vollen Touren

Von Anja Krezer

Ein Klumpen entpuppt sich als Knochen
Messerscharf ist die Feuersteinklinge aus dem fünften Jahrtausend vor Christus (ganz oben). Dr. Martin Hees brütet im Bauwagen über den Plänen für die Ausgrabungen. Er ist aber auch oft draußen bei den Helfern, die mit Spaten, Schaufeln, Hacken und Kellen nach Fundstücken suchen.Fotos: Guido Sawatzki

Leingarten - Männer mit Bagger, Radlader und Schaufeln arbeiten am neuen Kreisel - und damit an der Zukunft Leingartens. Nur ein paar Meter weiter wird auch Erde bewegt - mit der Hoffnung, mehr über die Vergangenheit zu erfahren. Die archäologischen Grabungen im künftigen Baugebiet „Kappmannsgrund - Ost“ laufen seit kurzem.

Und wieder die Spitze der Kelle in den Lößboden gestochen. Und wieder und wieder. Zentimeter um Zentimeter arbeitet sich Sabine Stutz, mal auf Knien, mal in der Hocke, vor. Zwischendurch lässt sie die Erde durch die Finger rieseln und zerreibt größere Krümel mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger. Ist der Klumpen bei genauerer Betrachtung vielleicht eine Tonscherbe? Oder ein Stück Knochen? „Man wird schon neugierig“, sagt die Frau - eine derjenigen Personen, die sich auf eine Anzeige hin gemeldet haben und bei den Grabungen auf 400-Euro-Basis helfen. „Alles aufheben, was nicht normale Erde ist“, hat Dr. Martin Hees ihr und den anderen Helfern erklärt, als er sie zu Beginn instruiert hat. „Man kriegt aber sehr schnell ein Gefühl dafür“, sagt Sabine Stutz. Jürgen Pfleiderer zerbröselt Erdklumpen in einem Schubkarren. Er sagt über die neue Arbeit: „Anstrengend, aber es macht Spaß.“

Scherben Einige schwarze Plastikeimer sind bereits gefüllt. Archäologe Hees - er koordiniert im Auftrag des Landesamtes für Denkmalpflege die Grabungen in Leingarten und dokumentiert Funde - greift in einen Eimer. Für Laien ist das dreieckige, schmutzige Etwas kaum als Scherbe zu erkennen. Der Doktor der Vor- und Frühgeschichte weiß schnell: „Der Rest eines Topfes. Späte Bronzezeit - das sieht man an der Art der Kanten.“ Auch vor 3000 Jahren gab es eine Vorstellung davon, was modisch ist. Einen kugeligen, unförmigen Klumpen, den die Helfer zutage befördert haben, hat der 43-Jährige als Rinderknochen identifiziert - aus dem fünften Jahrtausend vor Christus. Ein kleiner Stein ist ein „Gerät aus der jüngeren Steinzeit zur Leder- und Fellbearbeitung“, weiß Hees.

Er weiß auch: „In Leingarten können Sie kaum einen Acker aufgraben, ohne was zu finden.“ Deshalb sei das Landesamt für Denkmalpflege - wie im „fundreichen“ Landkreis überhaupt - hellhörig gewesen, als es um das neue Baugebiet ging. An zwei Stellen ist Kreisarchäologin Dr. Andrea Neth im Februar fündig geworden: Siedlungsgruben aus der Zeit zwischen 5000 und 100 vor Christus und ein Grab habe sie ausgemacht, sagt Hees. Verschiedene Zonen werden nun bei den Grabungen genauer untersucht. Etwas völlig Spektakuläres wurde bisher nicht zutage befördert. „Im Wesentlichen das, was wir erwartet haben“, sagt Hees. Also: vermutlich ein Haus aus der Zeit um 4500 vor Christus, zwei Kellergruben aus der Bronzezeit (1000 v. Chr.) und eine keltische Grube aus dem ersten oder zweiten Jahrhundert vor Christus.

Flecken Zuerst wird mit einem Bagger der Ackerboden abgetragen. Etwa 30 Zentimeter. „Dann werden hellere oder dunklere Flecken sichtbar - da könnte etwas sein“, erklärt der Experte. Er markiert die Stellen, dann wird dort gegraben - immer zuerst eine Hälfte, damit der Experte das Profil der Stelle vor Augen hat. Wie ein Schweizer Käse sieht es auf einem Abschnitt inzwischen aus.

„Martin, guck mal das schöne Ding an“, sagt Manfred Henne und zeigt dem Archäologen ein hellbraunes Stück Stein. Gebogen und messerscharf ist es. „Eine Feuersteinklinge aus dem fünften Jahrtausend vor Christus“, weiß Hees. Manfred Henne, den Spaten in der Hand, freut sich. Fast jeden Tag ist er hier, schaufelt oder sticht den Spaten in die Erde. Bei Wind und Wetter. Ehrenamtlich. „Mich interessiert das eben“, sagt der Gemmrigheimer.