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Türkisch Gold
Von Claudia Ihlefeld
Heilbronn - Sie wohnen in derselben Stadt, tragen ähnliche Klamotten, hören dieselbe Musik. Und doch ist da eine Mauer. Es sei denn, man verliebt sich ineinander. Dann wird es noch komplizierter.
„Das kann nicht gut gehen“, sagt Luiza, als sie erfährt, dass ihr bester Freund Jonas sich in Aynur verliebt hat. Was will eine Türkin von einem Deutschen, der weder den türkischen Mond kennt noch Familiensinn hat? Wie würde ihre Familie reagieren, wie ihr Bruder?
Die schönsten Augen
Was bringt man türkischen Schwiegereltern mit, was hält der deutsche Spießervater davon? In den Kammerspielen Heilbronn hat Nurkan Erpulat die Geschichte über eine deutsch-türkische Jugendliebe inszeniert, ein so charmanter wie kluger Abend über Klischees, und wie sie in unseren Köpfen entstehen. Seit die junge Schweizer Autorin Tina Müller 2006 „Türkisch Gold“ geschrieben hat, wird diese raffiniert gebaute Geschichte viel gespielt auf deutschsprachigen Bühnen.
Jonas sieht das anders, für ihn hat Aynur die schönsten Augen der Welt. Auf der Bühne von Gitti Scherer, einer Mischung aus Werkstatt und Partykeller mit ausrangiertem Rücksitz eines Minibusses, Reifen, Schläuchen, einem Kleiderständer, Schraubenschlüsseln und Werkbank, sind Nancy Fischer Luiza und Gabriel Kemmether ihr Kumpel Jonas. Im Verlauf der folgenden 70 Minuten schlüpfen sie wechselnd in die Rolle derer, von denen sie berichten.
Fischer und Kemmether stürzen sich in ein Als-Ob-Spiel und nehmen die vermuteten Erwartungshaltungen von Aynur an, ihrer kopftuchtragenden Großmutter, des halbstarken Bruders, den Freundinnen, den Großkotzen der türkischen Clique, den fremdenfeindlichen Mitschülern und verkörpern das Klischee vom deutschen Fascho-Vater und vom Schwäbisch schwätzenden Türkenpapa. Lustvoll mimen sie die coolen Gesten der Jugendlichen, sind verletzlich und werfen sich hemmungslos die Vorurteile um die Ohren, die wir alle kennen: Dass es irgendwo immer eine Hochzeit gibt, eine Beschneidung, einen Ehrenmord, dass die Südländer alle so liebe Großeltern haben, arm, einfach, aber verständnisvoll. Am linken Bühnenrand der Black-Box der Kammerspiele sorgt Musiker Sascha Kratzer für Rhythmus und Tempo und gibt als teilnehmender Beobachter seine Kommentare ab.
Fliegender Teppich
Regisseur Erpulat trifft den Ton, den schon Dramatikerin Müller trifft und macht aus dem Jugendstück punktgenaues Theater, das nie peinlich, sondern voll subversivem Witz mit Klischees spielt, ihren Wurzeln - und den Folgen. Da geht es rasant auf dem fliegenden Teppich nach Istanbul und mit dem Schleudersitz kultureller Bilder zurück nach Deutschland.
Wie die Beziehung zwischen Jonas und Aynur verlaufen könnte? Darüber dürfen wir nun spekulieren. Ein erfrischender Beitrag zur Integrationsdebatte.
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