In seiner frühen Kindheit ein Garten

Heilbronn - Axel Vornam inszeniert Heins „In seiner frühen Kindheit ein Garten“ im Großen Haus

Von Uwe Grosser



Heilbronn - Die beklemmendsten Momente im Theater sind jene, in denen alles verstummt. Die Zeit steht still, man hält die Luft an. In der ersten Heilbronner Inszenierung des Intendanten Axel Vornam gibt es einige dieser Momente des Innehaltens, in denen nicht nur die da auf der Bühne erschüttert sind.

„In seiner frühen Kindheit ein Garten“ heißt ein Roman von Christoph Hein, den Vornam in einer von ihm selbst zusammen mit Birte Werner und Christian Marten-Molnár erstellten Fassung auf die Bühne des Großen Hauses bringt. Am Samstag war heftig beklatschte Premiere. Für Vornam ist Hein ein Chronist heutiger Tage, der sich nicht am Vordergründigen abarbeitet, sondern sich auf das Geschehen hinter der Oberfläche konzentriert.

Tod eines Bürgersohns

„Es ist am Ende des Lebens besonders schwer, sich eingestehen zu müssen, dass man irgendwo versagt hat.“

Richard Zurek

In diesem Fall ist die Oberfläche die versuchte Festnahme der Terroristen Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld 1993 in Bad Kleinen durch das Bundeskriminalamt und die GSG 9, bei der Grams und ein Polizist ums Leben kamen. Hinter dieser Oberfläche gibt es die Familie des getöteten Terroristen, der in Heins Stück Oliver Zurek heißt.

Die Zureks sind eine bürgerliche Familie - der Vater Oberstudiendirektor a.D., die Mutter Hebamme -, in der viel Wert gelegt wird auf humanistische Bildung. Entsprechend ist die Erziehung der Kinder, die sich bei Oliver, Schwester Christin und Bruder Heiner in nichts unterschied. Und doch hat Oliver einen Weg eingeschlagen, auf dem die Eltern nicht einmal gedanklich zu folgen vermögen. Was ist nur passiert?

Vornams Zugriff auf den Stoff ist ein äußerst behutsamer, leiser. Die Familie, nach wie vor Keimzelle der Gesellschaft, ist längst nicht mehr das stabile Gefüge früherer Tage. Vornam und sein Ausstatter Tom Musch gönnen den Zureks einen riesigen Raum: holzgetäfelt, mit Büsten großer Denker und einem ewig langen Sofa, auf dem alle ganz bequem Platz haben. Hier muss doch niemand ausbrechen.

Vielleicht doch, denn der Raum strahlt trotz seiner warmen Töne eine Kälte aus - wie auch Dr. Richard Zurek, großartig gespielt von Frank Lienert-Mondanelli. Der ewig korrekte Lehrer, der selbst zu Hause Krawatte trägt, ist ein emotionsarmer Staatsdiener, der allem mit dem Kopf auf den Grund geht. Und jetzt dieses Dilemma: „Es ist am Ende des Lebens besonders schwer, sich eingestehen zu müssen, dass man irgendwo versagt hat.“

Mörder oder nicht? Mit aller Verzweiflung stürzt er sich in die Aufklärung der Geschehnisse in Bad Kleinen, denn die Arbeit der Staatsanwaltschaft ist mehr als fragwürdig. War Oliver ein Mörder, oder vielleicht doch nicht? Hat er sich selbst getötet, oder wurde er erschossen?

Die Familie droht an dieser Unklarheit zu zerbrechen: Tochter Christin (überzeugend zornig: Sylvia Bretschneider), selbst Lehrerin, scheint an ihrer Wut auf den Bruder fast zu ersticken. Sohn Heiner (mit starker Präsenz: Oliver Firit) steht dagegen ganz auf der Seite von Oliver. Und Mutter Friederike? Sie ist die Herzensgute, die nicht glauben kann, was da geschehen ist. Anne-Else Paetzold verleiht ihr den zarten Charme der Gütigen. Und über allem schwebt Oliver (Sebastian Winkler) im Stil eines klassischen griechischen Chors. Er trägt die Zeitungsschlagzeilen und Pressemeldungen vor.

Vornams Arbeit ist die ernsteste und eine der besten dieser Spielzeit in Heilbronn. Konsequent und konzentriert lotet der Regisseur die Seelen seiner Figuren aus. Was soll daher die klamaukige Szene mit Richards altem Freund Immenfeld, der dem Staat aus Abenteuerlust den Krieg erklären will? Ein Spaß, der aus dem Rahmen dieser Inszenierung fällt. Hier wird ironisiert, was tief in Richards Herz nagt: Der auf den Staat vereidigte Beamte geht auf Distanz zu demselben. Das haben wir längst begriffen, weshalb auch der plakative und pathetische Schluss völlig überflüssig ist.