Die Irre von Chaillot

Heilbronn - Unter deutschen Männern sollen, laut Umfrage, 88 Prozent Angst vor Frauen haben. Eine wie Aurélie würde ihnen die Leviten lesen. Vor einer wie der Irren von Chaillot darf man sich fürchten.

Von Claudia Ihlefeld



Heilbronn - Unter deutschen Männern sollen, laut Umfrage, 88 Prozent Angst vor Frauen haben. Eine wie Aurélie würde ihnen die Leviten lesen. Vor einer wie der Irren von Chaillot darf man sich fürchten.

1943 geschrieben, hat Jean Giraudoux in seinem Zweiakter „Die Irre von Chaillot“ dieser schrullig unerschrockenen Dame ein Denkmal gesetzt. Dabei hat er die Utopie märchenhaft verdichtet, dass die Irren und Ausgegrenzten, die Lumpensammler und Tellerwäsche, kurzum die Gaukler und die Armen mit ihrer Lebensfreude die Bösen besiegen.

Die Freiheit führt das Volk
„Eine einzige vernünftige Frau genügt“, freut sich Anne-Else Paetzold als die Irre von Chaillot in den Armen von Polizist Tobias D. Weber.Foto: Studio M42
Dass man mit dem Herz auf dem rechten Fleck weiter kommt, ist nur die eine Seite der Medaille, wie das zur Drohkulisse erstarrte Schlussbild der Giraudoux-Inszenierung am Theater Heilbronn illustriert. Alejandro Quintana hat sich des fast vergessenen Klassikers angenommen und die Parabel über die Irren als die einzig Vernünftigen gegen die Entmenschlichung der Gesellschaft im Großen Haus umgesetzt.

Aurélie, die Irre, rettet Chaillot vor den Dunkelmännern und Mackern, die Paris in die Luft sprengen wollen, um sich das unter der Stadt vermutete Erdöl zu sichern. Opfer ihrer eigenen Gier, lassen sich die Manager und Finanzhaie durch eine Falltreppe im Keller von Aurélies Haus in die Kloaken von Paris locken. „Eine einzige vernünftige Frau genügt“, freut sich Anne-Else Paetzold als die Irre mit freundlich rot auf die Wangen geschminkten Herzen. „Kümmern wir uns um die wesentlichen Dinge.“

Dabei irrt sie in einem wesentlichen Punkt: Wenn sie meint, die ganze Menschheit gerettet zu haben. Das wusste Giraudoux und weiß Quintana. Die Melancholie dieses poetischen Theaters rührt daher, dass seine Lösung nur im Märchen möglich ist. Eine Prämisse, die heute harmonisierend unpolitisch wirken kann. Obwohl das Märchen das Stilmittel ist, das die Irre in einer Radikalität handeln lässt, die an Dostojewskis Mörder Raskolnikoff in „Schuld und Sühne“ erinnert.

Ist es nicht recht und billig, die Schlechten zu richten? „Wenn man vernichtet, muss man im Großen vernichten“, sind sich Aurélie und ihre Anhänger einig.

Fantastische Zirkusfiguren

Als Märchen inszeniert denn auch Alejandro Quintana die Geschichte, die er nichtsdestotrotz als Kommentar zur aktuellen Krise verstanden wissen möchte. Seine fantastische Handschrift aber, die gewollte Langsamkeit des Spiels, übertünchen mitunter die geschliffene Dialektik Giraudoux'. Figuren (Kostüme: Mathias Werner) wie aus einem Film Federico Fellinis tummeln sich auf der Bühne (Juan Leon).

Opulente Bilder unterlegen zur dramatisch unterhaltsamen Musik von Roberto Rivera Noriega diese Revolution kleiner Leute gegen eine korrupte Machtelite aus Spekulanten, Bankern und Politikern.

Im Stile sogenannter Tableaux Vivants, zu Bühnenleben erwachte Gemälde, wie sie auch das Volkstheater kennt, bietet die Bildsprache der Französischen Revolution die Vorlage. „Allons enfants de la patrie“, singt Ingrid Richter-Wendel als Allegorie der vergessenen Gedanken mit entrücktem Blick und Jakobinermütze. Sie ist die Freiheit, die das Volk führt - und großartig, weil Pathos und ironische Distanz eine spielerische Balance halten.

Das sind die starken Momente eines letztlich plakativen Abends, mit einem gut aufgelegten Ensemble. Individuelle Töne stimmen Rolf-Rudolf Lütgens an als Baron und Nils Brück als Lumpensammler. Und wenn Paetzold als resolute Irre ihre nicht minder irren Freundinnen Constance (Richter-Wendel) und Gabrielle (Katharina Voss) trifft, um einen Schlachtplan zu entwerfen, ist die anarchisch-komödiantische Kraft Giraudoux' ebenso greifbar.