Buddenbrooks

Ein bisschen mühsam: „Buddenbrooks“ nach Thomas Mann im Großen Haus

Von Claudia Ihlefeld



Heilbronn - Es zeugte von großem Selbstbewusstsein, als der Dramaturg und Autor John von Düffel 2005 am Hamburger Thalia Theater aus Thomas Manns „Buddenbrooks“ eine Bühnenfassung filterte. In dichten Handlungssträngen und Charakterstudien erzählt Manns Jahrhundertroman auf über 700 Seiten vom Verfall einer großbürgerlichen Lübecker Kaufmannsfamilie: kein leichtes Unterfangen für eine Theaterversion.

Zum Spielzeitauftakt am Freitag in Heilbronn hat Malte Kreutzfeldt im Großen Haus Düffels Fassung dieser fortschreitenden Erosion von Familie, Werten und Sitte inszeniert. Ein düsteres Endzeitstück über Charakter- und Kontoschwäche, das Kreutzfeldt im 19. Jahrhundert ansiedelt, um es in die Jetztzeit zu wuchten. Reifrock und Lederjacke, altes Kontor und schicker Schalenkoffer sind die Hilfsmittel.

Der Familienehre zuliebe

Regisseur Kreutzfeldt folgt von Düffels Bühnenbearbeitung und konzentriert sich auf die drei Geschwister: auf die in ihren zwei Ehen scheiternde Tony (Daniela Schober), die eigentlich zu lebenslustig ist, als dass sie der Familienehre zuliebe heiraten würde. Auf die Entwicklung von Thomas (Nils Brück) zum Familiendespoten, der scheitert, auf den kränkelnden, exzentrischen Bruder Christian (Alexander Hetterle).

Auch wenn sie als Jugendliche miteinander tollen und sich später als Erwachsene anbrüllen - nach dem Motto „schrei dich frei“ -, die starke, emotionale Bindung unter den Geschwistern ist schwer nachvollziehbar. Es gibt sicher einfacheres, als Thomas Manns komplexes Psychogramm einer Familie auf der Theaterbühne atmosphärisch zu bündeln. Kreutzfeldt, der auch für die Ausstattung gesorgt hat, versucht es mit einem strengen Sittengemälde im Geist des 19. Jahrhunderts, um es mit kleinen, albernen Gags aufzufrischen.

Eine Säulenhalle mit langem Tisch im Hintergrund, an dem keiner Platz nimmt, und ein Sekretär auf der Vorderbühne, auf dem das Familienbuch der Buddenbrooks liegt, bilden das triste Setting: Hier nimmt die Untergangsgeschichte ihren Lauf. Mit verkniffen resigniertem Zug um den Mund klärt der Konsul (Frank Lienert-Mondanelli) seine Gattin auf, dass es ernst bestellt ist um die Familienfinanzen.

An der Oberfläche

In Witwenschwarz gewandet, ist Anne-Else Paetzolds Konsulin eine müde, kalte Frau. Nach dem Tod des Konsuls tyrannisiert sie in Pelzmantel und nachlässiger Sturmfrisur ihr Umfeld. Malte Kreutzfeldts oberflächliche Figurenzeichnung ist ärgerlich.

Bendix Grünlich, der schmierige, hintertriebene Erbschleicher, gerät zur Karikatur. Oliver Firit muss trottelig wie ein Comedian stolpern und ständig seine Teetasse ausschütten. Als Bankier Kesselmeyer (Tobias D. Weber) dem Bankrotteur den Geldhahn zudreht, hängt Grünlich lächerlich jaulend an dessen Rockzipfel. Kreutzfeldt scheint weder dem Roman noch der Bühnenfassung zu trauen: Selbst Nils Brück, der als Thomas die Haltung eines Buddenbrooks, das schleichende Scheitern und die Selbstzweifel am spürbarsten auf den Punkt bringt, muss in John-Travolta-Manier auf dem Tisch tanzen, als er sich von seiner Geliebten nach Amsterdam verabschiedet. Noch härter trifft es Alexander Hetterle: Sein Christian wird zum effekthascherischen Fixer.

Soll das der Bogen sein, den die Regie vom 19. ins 21. Jahrhundert schlägt? Was eine Generation aufbaut, verprasst die nächste. Spätestes mit Hanno, dem Sohn von Thomas und Gerda (Judith Raab), ist der Kredit der Buddenbrooks verspielt, in materieller wie in ideeller Hinsicht. Nach dem Tod der Konsulin tragen Bühnenarbeiter Möbel und Requisiten weg - zurück bleiben die Geschwister am Grab der Mutter, um das Erbe aufzuteilen.

Als Gerda den Monolog über Hanno anstimmt, den Abgesang auf eine Ära, gehen knapp drei lange Theaterstunden zu Ende.

Nächste Vorstellungen: 30. September, 1.,7., 10., 13. Oktober, 19. 30 Uhr. Karten: 07131 / 56 30 01.