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Auf hoher See
Von Claudia Ihlefeld
Heilbronn - Streicheln oder essen? Für den Tierfreund und Vegetarier keine Frage - und im Umkehrschluss auch für den Liebhaber blutiger Steaks kein Problem. Was aber, wenn drei Schiffbrüchigen auf hoher See die Nahrung ausgeht?
„Wir müssen essen“, sagt einer der Herren. „Aber nicht etwas, sondern jemanden.“ Eine kulinarische Herausforderung. Dabei geht es in Slawomir Mrozeks satirischem Einakter „Auf hoher See“ (1961) nicht um das ethische Problem von Kannibalismus. Sondern um Täter, Opfer und Mitläufer, um Machtmenschen, Verlierer und Mitmacher.
Unter dem sozialen Brennglas beobachtet Mrozek, dieser „polnische Ionesco“, wozu Menschen in Extremsituationen fähig sind, wie vordergründig der Verzicht auf körperliche Gewalt ist - und wie vorschnell wir Täter und Opfer ausmachen.
Als „einen echten Mrozek“ bezeichnet ein polnisches Sprichwort eine absurde Lebenssituation. Welcher der drei Hungernden soll in den Kochtopf wandern? Freiwillig oder genötigt? Zuerst wird demokratisch argumentiert, die Gerechtigkeit bemüht, ein Losverfahren angedacht, freie Wahlen, werden Wahlkampfreden geschwungen, die ins Ideologische kippen. Bis diktatorisch entschieden wird.
Tickende Zeitbombe
Drei Mal spielen Kai Windhövel, Oliver Firit und Matthias Horn drei Möglichkeiten durch, den Konflikt zu lösen, schlüpfen abwechselnd in die Rolle des Demagogen, des Mitläufers und des Opfers, das man letztlich nur an seiner schwarzen Melone erkennt.
Die anderen zwei tragen Zylinder. Die Gefahr, selbst zum Verlierer zu werden, blendet sie, während das Opfer als tickende Zeitbombe auf seinen Moment wartet. Schließlich fordern die Schauspieler das Publikum auf, zu entscheiden. Besucherbefragung: das Stilmittel aus dem Improvisationsformat Theatersport, mit dem Unterschied, dass an diesem Abend das Opfer festzustehen scheint - und überlebt.
Wie ein Vorspann im Stummfilm stimmt zu Beginn die Projektion „Hier gibt es nichts zu essen“ ein, bevor die Wellen und surrealen Landschaften auf Fabians Video als Endlosschleifen das Bedrohliche der ausweglosen Situation untermalen.
Eine Laborsituation, die Windhövel, Firit und Horn auf weißen Backsteinen ausbalancieren, als drohte jeder von ihnen umzufallen wie ein Dominostein - und die anderen mitzureißen. Konzentriert, rasant und mit Augenzwinkern bedienen sie die Klaviatur der Groteske. Wie auch Manuel Rivera, der als rhythmisch zuckender Buster Keaton-Verschnitt auf stürmischer See ein Telegramm zustellen darf.
Mit illustrierender Video- und Musikästhetik finden Truckenbrodt und Ausstatter Lars Betko Bilder für diesen „echten Mrozek“. Und doch haftet der Groteske etwas Zwanghaftes an - und verliert sie dabei von ihrem unerhörten Zauber.
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