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Nathan der Weise
Von Andreas Sommer
Alejandro Quintanas beeindruckende Inszenierung von "Nathan der Weise"
Ja , was machen wir denn aber, ja was machen wir denn aber“: Im Haus von Sultan Saladin und seiner Schwester Sittah herrscht komplette Verwirrung. Schließlich ist der Muslim pleite, was seinen 1001- Nacht-Glitzertand akut gefährdet. Saladin vertreibt sich die Zeit mit Schachspielen, ist leicht genervt, flippt schnell aus und kommandiert andere wie Hunde herum.
Der Jude Nathan kommt ihm da gerade recht: Reich, klug, ein ernster Mann, schwer gezeichnet vom Leben. „Der Bescheidenheit ist jetzt genug“, brüllt er Nathan an. Um ihn dann leise aufzufordern: „Tritt ein.“ Und Nathan erzählt Saladin die Ringparabel von der Gleichberechtigung der Religionen.
„Wir müssen, müssen Freunde sein“: Diesen Kernsatz aus Gotthold Ephraim Lessings 1783 uraufgeführtem Stück nimmt Schauspieldirektor Alejandro Quintana zum Ausgangspunkt für einen ungewöhnlichen, frischen Blick auf das altehrwürdige Toleranzstück. Und entdeckt dessen humorvolle Ader.
Quintana konzentriert sich auf die Narben Nathans, der aber vernünftig genug ist, sich zu Freundschaft und Toleranz durchzuringen. Diese Sicht beschert dem Stadttheater zum Start der neuen Intendanz eine packende Inszenierung, die mühelos Pädagogik und Poesie vereint. Unterstützt wird der Regisseur von einer ausgeklügelten Licht- und Tondramaturgie und einem ausgezeichneten Schauspielensemble, das Lessings kunstvolle Sprache wunderbar über die Rampe bringt.
Bis auf Nathan (aufgeklärt-beherrschter Moralist: Frank Lienert-Mondanelli) bevölkern Kunstfiguren die Bühne (Lars Betko), die sowohl an eine antike Ruinenlandschaft als auch an Ground Zero erinnert. Recha (Nancy Fischer) ist ein naives Püppchen, das gern in Ohnmacht fällt, Daja (Sylvia Bretschneider) die unaufgeklärte Betschwester, der Tempelherr (Sebastian Winkler) ein goldenes Ritterbürschchen wie aus einem Comic mit wankendem Weltbild, das – so will es Lessings verwirrende Stammtafel – erkennen muss, dass Recha seine Schwester ist.
Ein Traumpaar geben der grandiose Nils Brück als Saladin und Katherina Voss als Sittah ab. Souverän spielt Brück nicht nur mit seinem Körper, sondern auch mit der Sprache. Die Glanzleistung des Abends. Kabinettstückchen steuern Till Schmidt als köstliche Klosterbruder-Karikatur und Rolf-Rudolf Lütgens als blasiert-intoleranter Patriarch bei. Wie Kai Windhövels Derwisch sind auch die anderen Figuren trotz der Künstlichkeit sehr körperlich. Nur Sittahs und Rechas Gerenne nervt. Die Verbrüderungsszene lässt Quintana in eine wüste Rangelei münden. Recha und der Tempelherr umarmen sich liebevoll.
Lessing hat die Idealvorstellung von Humanität formuliert: „Wir müssen, müssen Freunde sein.“ Von Wollen ist keine Rede. Quintanas Inszenierung zeigt, dass der Mensch sich zu Toleranz zwingen muss. Das sagt die Vernunft. Alles andere wäre fatal. Das zeigt ein Blick auf den Zustand der Welt. Stehende Ovationen, auch als Solidaritätsbekundung für Alejandro Quintana.
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