Angst essen Seele auf

Von Uwe Grosser



Angst essen Seele auf": „Deutsch mit Arabisch nix gleich“

Der Alltag ist das Problem. Junge Liebe widersteht jeder Anfeindung, doch schleichend kommt er, der Alltag, dem viele nicht gewachsen sind. Dieses tägliche Allerlei ist oft ein Gemisch aus Vorurteilen, Neid, Verachtung und nur selten von Freundlichkeit, Verständnis und Nächstenliebe. Zumindest, wenn du ein Ausländer bist. Bist du aber ein junger Ausländer, der eine Deutsche kurz vor dem Rentenalter liebt, dann gute Nacht.

Das ist heute nicht anders als vor bald 35 Jahren, als Rainer Werner Fassbinders Film „Angst essen Seele auf“ in die Kinos kam. Die Problematik der Ausländer in Deutschland hat sich zwar verändert, verschwunden ist sie aber nicht. Das macht Esther Hattenbachs Inszenierung des Fassbinder-Stoffs im Großen Haus des Stadttheaters deutlich, auch wenn manche Szene in ihrer Klischeehaftigkeit von 1974 etwas altbacken daherkommt. Grundsätzlich würde es dem Marokkaner Salem, den alle nur Ali nennen, und der Putzfrau Emmi heute kaum anders ergehen: Unverständnis, Vorwürfe bis hin zu offener Aggression.

Regisseurin Hattenbach macht dieses emotionale Gebrodel spürbar in ihrer intensiven, fesselnden und trotz des vielen Schweigens sehr dichten Inszenierung. Die Sprachlosigkeit und das Unausgesprochene sind zentrale Momente in ihrem Konzept. Alle reden über Ali und Emmi, doch die beiden wenig miteinander. Als wäre die Ehe ein Schwarzes Loch für jede relevante Kommunikation. Schon das Bühnenbild von Geelke Gaycken, das mit seinen Tischen und Stühlen den Charme eines schrecklich kalten Wartesaals versprüht, macht die Einsamkeit derer, die da sitzen, greifbar. Verlieben geht da ganz leicht, weil Liebe auch immer Wärme ist, was der Witwe Emmi und dem fern der Heimat malochenden Ali seit langem fehlt. Aber Ali weiß von Anfang an: „Deutsch mit Arabisch nix gleich“, und doch stürzt er sich in die Ehe.

Dass dauernder Druck zu Verformungen führt, weiß jeder ABC-Schütze. Nur das ganz Harte hält stand, doch Emmi ist weich, Ali sowieso. Und schon wird der Spruch wahr, den die Arbeitskollegen und Nachbarn auf Zetteln hochhalten: „Lieber einen Respekt in der Gesellschaft, als eine Sexualität.“ Für diesen Respekt macht Emmi ihren Ali zum Affen, der den Kolleginnen seine Muskeln zeigen muss. Die Ehe bröckelt nach und nach, Stück für Stück geht das Glück flöten.

Nicht so das Glück der Regisseurin, die zwei Hauptdarsteller hat, die dieser so schlichten Geschichte eine ergreifende Emotionalität geben – indem sie sehr behutsam spielen. Nichts wird forciert, nichts überdreht, aber alles einfühlsam und glaubwürdig gespielt.
Famose Schauspieler Anne-Else Paetzold ist hinreißend als einsame, sehnsuchtsvolle und zerrissene Emmi, die wegen der Liebe ihren Platz in der Gesellschaft zu verlieren droht. Und Tobias D. Weber hat das Zeug zum neuen Publikumsliebling. Sein Ali ist so sanft und doch wuchtig, so stark und doch zerbrechlich – eine famose Leistung. Viel abverlangt wird auch Judith Raab, Angelika Hart, Ingrid Richter-Wendel, Johannes Bahr, Alexander Darkow und Manuel Rivera, die dauernd in wechselnde Rollen schlüpfen müssen. Und Christoph Sabadinowitsch untermalt die Szenen musikalisch.

Viel Applaus für den Abschluss eines überzeugenden Premierenwochenendes mit drei unbedingt sehenswerten Inszenierungen.


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