Wissenschaftliche Schleppnetzforschung

Heilbronn - Seine Kleist-Ausstellung war in Wilhelmshaven, wandert jetzt nach Dresden und später nach Hamm. Günther Emig hat auch Anfrage aus Lissabon vorliegen. Aber: "Wie sollen die Sachen nach Portugal kommen?" Ein logistisches und finanzielles Problem des Ein-Mann-Betriebs Kleist-Archiv Sembdner im Theaterforum K3 am Berliner Platz, das dieser Tage auf seinen 20. Geburtstag zurückblickt.

Von Andreas Sommer

Heilbronn - Seine Kleist-Ausstellung war in Wilhelmshaven, wandert jetzt nach Dresden und später nach Hamm. Günther Emig hat auch Anfrage aus Lissabon vorliegen. Aber: "Wie sollen die Sachen nach Portugal kommen?" Ein logistisches und finanzielles Problem des Ein-Mann-Betriebs Kleist-Archiv Sembdner im Theaterforum K3 am Berliner Platz, das dieser Tage auf seinen 20. Geburtstag zurückblickt. Und sich seit 1991 einen guten Namen in der Kleist-Forschung gemacht hat.

Emig ist ein Hansdampf in allen Gassen. Die Veröffentlichung von preiswerten Reprints vergriffener Fachliteratur sind eines seiner Standbeine. Der 58-jährige Archivdirektor organisiert nicht nur eigene Ausstellungen wie die im Frühjahr im Heilbronner Fleischhaus, sondern bestückt auch fremde Präsentationen wie eine Kleist-Schau in der Heidelberger Heiliggeistkirche mit Heilbronner Leihgaben.

Noch ein Comic 20 Buchveröffentlichungen sind parallel in Vorbereitung, darunter "Kleist in der bildenden Kunst", ein auf rund 2000 Seiten geschätztes Großformat in Zusammenarbeit mit der Berliner Kunsthistorikerin Barbara Wilk-Mincu: "Wir sind beim Buchstaben E und auf Seite 250", verrät Emig. Ein weiterer Comic soll demnächst erscheinen, die Kleist-Bibliografie 2001-2010 (eine Bibliografie ist ein professionell erstelltes Literaturverzeichnis) mit rund 500 Seiten und die Heilbronner Kleist-Blätter 23. Neben den Publikationen begründete die frühe und ausführliche Internet-Präsenz den guten Ruf des Kleist-Archivs Sembdner. Zwei Talente, die der schon zu Heidelberger Studienzeiten als Autodidakt erfolgreiche Büchermacher Emig und der Computerfreak Emig in seiner derzeitigen Funktion ausleben kann: "Mit Kleist sind wir schon 1996 ins Internet gegangen. Damals galt das noch als Teufelszeug." Für das Kleist-Archiv entpuppte sich das neue Medium aber als wertvolle Initialzündung, die Forscher in aller Welt aufmerksam machte.

Günther Emig ist ein Mensch, der nach Marktnischen sucht und auch einen Blick für Randständiges hat. Vielleicht deshalb hat sein Kleist-Archiv Sembdner im Kleist-Jahr 2011 nicht die führende Rolle übernommen, die sich Emig vorgestellt hatte. "Ich hätte mir ein dezentrales internationales Projekt mit Heilbronn im Zentrum gewünscht, das die Stadt keinen Cent gekostet hätte", sagt der Germanist, "aber die politischen Prioritäten wurden anders gesetzt".

Heinrich von Kleist (1772-1811) wird in einer Doppelausstellung in Frankfurt (Oder) und Berlin geehrt. "Die Ausstellung ist schlecht", urteilt Emig, die Publikumsresonanz dürftig: 4600 Besucher in den ersten beiden Monaten, trotz großer Medienaufmerksamkeit. Sagenhafte 800 000 Euro, so Emig, hat die Bundeskulturstiftung zugeschossen.

Deshalb konzentriert sich der Direktor auf die Frage: "Was bleibt nach dem Jubeljahr?" Emig, der die Kleinverlag-Offensive der 70er Jahre erlebt hat, schielt auf ein "hinterlassungsfähiges Werk", wie man damals statt "nachhaltig" sagte.

Auf der Suche nach den Original-Obduktionsbefunden Kleists aus dem Jahr 1811 ist Emig zusammen mit Peter Staengle auf einer heißen Spur und recherchiert nun innerhalb des schlesischen Flüchtlingsdramas von 1945: "So spannend kann Germanistik sein. Das interessiert mehr Leute als die x-te Interpretation der ,Penthesilea"." Zum Thema "Kleist in der DDR" wälzt Emig dicke Stasi-Unterlagen.

Quellenforschung Die Erforschung der Entstehungs-, Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte Kleists (Aufnahme seiner Literatur innerhalb einer bestimmten Zeit, beeinflusst von politischen und sozialen Bedingungen) liegt Emig sehr am Herzen: Wissenschaftliche Schleppnetzforschung nennt er seine Methode, die seriöse Quellen zur Verfügung stellt, auf deren Basis andere forschen können.

Dazu gehören Details, die er in älteren Büchern aufspürt. Kleist stieg etwa unter dem Namen Klingstedt als Student aus Leipzig vom 4. bis 11. September 1800 in einem Würzburger Gasthof ab. Germanistik kann wahrlich spannend sein.