Wie vertraut er uns doch ist

Von unserer Mitarbeiterin Michaela Adick

Wie vertraut er uns doch ist
Die Band Der Club der toten Dichter überzeugte in der Waldorfschule mit vertonten Gedichten von Rainer Maria Rilke.Foto: Guido Sawatzki 

Heilbronn - Und dann entschloss sich Rilke doch, einmal bei Sigmund Freud vorstellig zu werden. Hatte man nicht schon Wunderwerke von ihm gehört? Wie oft war er, Rilke, gescheitert. Wie oft war er pleite, sein Hab und Gut versteigert worden. Wie unglücklich hatte er geliebt. Doch der Psychoanalytiker, so will es jedenfalls die Legende, winkte nur ab. "Und Sie wollen Dichter sein?", soll er Rainer Maria Rilke 1912 entgeistert beschieden haben. "Behalten Sie doch Ihre Neurosen."

Alt geworden ist er schließlich nicht, dieser René Rilke, der sich später, um männlicher zu klingen, ausgerechnet Rainer Maria nannte. 1926 starb er, gerade 51-jährig, in einem Sanatorium in der Schweiz. Viele Tausend Gedichte hat er hinterlassen und ungezählte Briefe, in die sich eines Tages Reinhardt Repke verguckte. Was für ein Material. Und wie es Repke, im Osten der Republik bestens bekannt als Mitglied von Rockhaus, einer Band, die auf der Neuen (Ost-)Deutschen Welle mitgeschwommen war, in den Fingern juckte. Der Gitarrist musste Rilke einfach vertonen.

Stimmiges Konzept In der Freien Waldorfschule gastierte Reinhardt Repke nun mit seinem von ihm 2005 gegründeten Club der toten Dichter: Einer famosen Band, die durch ein stimmiges Konzept getragen wird. Jörg Mischka ist der Mann an den Keyboards, Markus Runzheimer der Mann für die tiefen Töne am E-Bass, Bela Brauckmann gibt am Schlagzeug den Rhythmus vor. Und last but not least: Katharina Franck, die Frau mit der glockenklaren Stimme, die in den späten 80er Jahren mit den Rainbirds Erfolge feierte. Alle zusammen sind sie jetzt engagierte Clubmitglieder: Ihre toten Dichter, zuvor hatten sie sich schon um Heinrich Heine und Wilhelm Busch gekümmert, sollen in neuem Glanze erstrahlen. Nicht dass Rilke noch nicht vertont worden wäre. Alma Mahler hatte sich ihn vorgenommen, Alban Berg und Paul Hindemith. Harrison Birtwhistle vertonte 2003 Rilkes "Orpheus Elegies" für Oboe, Harfe und Countertenor.

Chanson und Blues Doch das ist nicht die Sprache Reinhardt Repkes. Als Chanson verpackt er seinen Rilke und als Blues. Rilke mit seinen Marotten ist ihm ein Zeitgenosse, der ernst genommen sein will. Zwei, drei Dutzend Gedichte hat er sich vorgenommen, natürlich den "Panther", Rilkes "Karussell" und "Die Liebenden". Unbekanntes mischt er unter, Geschichten aus der Kadettenanstalt und Liebesschwüre von Lou Andreas-Salomé, der um 14 Jahre älteren Angebeteten Rilkes.

Die Stunden verfliegen, dem Publikum wird es warm ums Herz. Rilke, dieser ewige Haderer, der sich von der Welt nicht verstanden wusste: Wie vertraut er uns doch ist.



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