Wie man Mathematik in Bilder fasst

Heilbronn - Der Einwand, Computer und Glasbilder hätten nichts miteinander zu tun, gilt nicht mehr, seit Deutschlands berühmtester lebender Künstler Gerhard Richter Pixelmuster aus dem Computer als Vorlage für seine Glasfenster im Kölner Dom verwendet hat.

Von Andreas Sommer

Heilbronn - Der Einwand, Computer und Glasbilder hätten nichts miteinander zu tun, gilt nicht mehr, seit Deutschlands berühmtester lebender Künstler Gerhard Richter Pixelmuster aus dem Computer als Vorlage für seine Glasfenster im Kölner Dom verwendet hat. "Nach meinem Kunstverständnis liefert seine Vorgehensweise keine interessanten Strukturen", meint der pensionierte Heilbronner Systemanalytiker Dr. Josef Reinkenhof.

Deshalb hat der 74-jährige Wissenschaftler das Programm Kilian entwickelt, das als Kunstmaschine "in gewisser Weise eine Fortführung des Richterschen Ansatzes" darstellt. Das Programm erzeugt auf Wunsch beliebig viele individuelle Entwürfe. "Man könnte sie beispielsweise als Vorlage für die neuen Glasfenster der Heilbronner Kilianskirche einsetzen", meint Reinkenhof mit Blick auf die Diskussion um die umstrittenen Entwürfe von Xenia Hausner. Für das Programm hat er sich in die Chaostheorie eingearbeitet. "Kilian ist die Visualisierung eines mathematischen Konstrukts", betont der 74-Jährige, der bei seiner Arbeit für die Luft- und Raumfahrt Jahrzehnte am Computer saß.

Auch heute ist Reinkenhof noch gern in virtuellen Welten unterwegs: Er hat sich eine Kunstwelt geschaffen, die sich mit einem DRON7 genannten Planeten beschäftigt, mit Himmelskörpern außerhalb unseres Sonnensystems und mit Aliens und Super-Aliens. Seit kurzem führt Reinkenhof den Künstlernamen Zeno Astronen.

Auch die Kunst hat in diesen virtuellen Welten ihren Platz. Bei Kilian spuckt die Maschine Kaskaden von Bildern aus und bestimmt Farbe und Form der religiösen Motive, die der Nutzer einspielen kann. Mit seinem Kilian-Programm will Reinkenhof aber alles andere als den Künstler ersetzen: "Es ist nur eine Entwurfshilfe für den Glaskünstler."

Weil er Gerhard Richters Pixel-Muster für die Glasfenster des Kölner Doms nur "tauglich für Muttis Küchenschürze" hält, hat der gebürtige Tiroler sein Programm geschrieben: "Richter teilt die Rechtecke einfach in kleine Quadrate auf und lässt die Farbe von einem Zufallsgenerator bestimmen. Das sieht nett aus, ist aber nicht hinreichend aussagefähig", urteilt Reinkenhof. Bei ihm ist zwar auch ein Zufallsgenerator aktiv, aber der Mensch kann die Formen und ihre Lage in einem größeren Fensterfeld bestimmen.

Zwei Systeme Bei seinem Programm Kilian lässt Josef Reinkenhof dem Nutzer die Wahl zwischen einem sogenannten probabilistischen Algorithmus und einem deterministischen Algorithmus in der Summe der Befehle − was nichts anderes heißt als Zufall und Bestimmung.

Was bedeutet die Religion für einen Menschen, der sich mit Raumfahrt und Planeten beschäftigt? Reinkenhof war katholisch ("Das ist man in Tirol grundsätzlich"), ist aber kein Atheist und glaubt nicht an einen personifizierten Gott. Den Satz "Die Summe aller Naturgesetze ist ein göttliches Wesen" kann er bejahen. Die Entwürfe von Xenia Hausner für die Kilianskirche hält er für eine "Fehlentwicklung": "Sie könnten aus der Zeit der Jahrhundertwende stammen. Wir leben im Computerzeitalter. Da muss sich die Kunst neu ausrichten."

Wie man Mathematik in Bilder fasst
Josef Reinkenhof hat 40 Jahre als Systemanalytiker für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Lampoldshausen gearbeitet.Foto: Dittmar Dirks