Wie ein Bestseller von 1804 die Leser polarisiert hat

Neuausgabe des Briefromans "Valerie" der Juliane von Krüdener im Carlesso Verlag Brackenheim

Von Leonore Welzin

Wie ein Bestseller von 1804 die Leser polarisiert hat
Herausgeberin Isolde Döbele-Carlesso und Verleger Mirco Andrea Carlesso, auf dem Bildschirm links Juliane von Krüdener und rechts Zar Alexander I. (Foto: Leonore Welzin)

Obgleich die ersten 3000 Exemplare wie die zweite Auflage reißenden Absatz fanden, obgleich die Nachfrage in Wien die Preise in schwindelnde Höhe trieb und von einem Nachdruck in einer Berliner Buchhandlung täglich mehr als 100 Exemplare über den Ladentisch gingen, polarisierte das Schriftwerk aus 54, meist fingierten Briefen, die Intellektuellen ihrer Zeit.

„´ Valérie‘ gehört zu den wenigen Romanen, die wie Goethes Werther, Rousseaus Héloise, die Delphine der Frau von Staël, den höchsten Gipfel der Dichtung erreichen; die ein Ideal aufstellen“, jubelte die Literaturkritik. „Das Buch ist null, ohne dassman sagen kann, es sei schlecht“ entgegnete Goethe und watscht gleich noch die Leser ab: „Doch die Nichtigkeit erweckt gerade bei vielen Menschen Gunst.“

Den Heilbronnern weniger als Schriftstellerin denn als pietistische Mystikerin bekannt, hat die Begegnung der Krüdener mit dem russischen Zaren Alexander I. in der Neckarstadt- rund zehn Jahre nach ihrem literarischen Sensationserfolg - 1815 zur Heiligen Allianz geführt, weshalb die zierliche Person vornehmlich als „Mutter der Heiligen Allianz“ in die Geschichte eingegangen ist.

Jetzt hat der Brackenheimer Carlesso Verlag das vergessene Stück Frauenliteratur neu aufgelegt und damit eine andere Facette der auf ihren religiösen Eifer festgelegten Autorin zutage gefördert. „Nie, nie gab es was Schöneres. Das Schönste, Reinste, so ich jemals las. Reine Moral, reine Liebe, fürtreffliche Ideen über Italien und Freundschaft“, zitiert der Covertext Sophie von La Roche. Die Neuausgabe besticht durch sorgfältige Recherche der Herausgeberin Isolde Döbele-Carlesso, die autobiografische wie rezeptionsgeschichtliche Details aufspürt und im Vorwort in einen größeren historischen Zusammenhang stellt.

Der 55-jährige Geheimrat konnte sich auch posthum despektierliche Äußerungen über die weltläufige Witwe nicht verkneifen: „So ein Leben ist wie Hobelspäne; kaum ein Häufchen Asche ist daraus zu gewinnen zum Seifensieden.“

Dem Erfolg des Buches konnte er jedoch nichts anhaben. Der deutschen Übersetzung folgten eine niederländische sowie eine russische. Die Modehändlerinnen machten Hüte oder Girlanden à la Valérie, Porzellan-Fabrikanten schmückten Tassen und Teller mit Sujets aus dem Roman und Eltern nannten ihre Kinder „Gustav“ und „Valérie“.

„Valérie“ von Barbara Juliane von Krüdener. Erweiterte Fassung neu herausgegeben im Carlesso Verlag Brackenheim, 248 Seiten, 18 Euro. www.carlesso.de