Wie der Mensch so tickt

Von Uwe Grosser

Wie der Mensch so tickt
Charles Darwin sitzt einem immer im Nacken: Kai Windhövel als menschgewordener Affe, der berichten soll, wie diese Entwicklung, die eine komplette Verwandlung ist, denn war.Foto: Theater Heilbronn 

Heilbronn - Der Affe steckt tief drin im Menschen, und manchmal kommt er raus. Gelegentlich als affiges Getue, meist aber als große Sehnsucht nach Freiheit, in der alle Zwänge von einem Abfallen. Von der Freiheit des Affen zur Zivilisation des Menschen war es ein weiter Weg über viele Generationen. Franz Kafka verkürzt ihn in seiner Erzählung "Ein Bericht für eine Akademie". Rotpeter heißt dieser seltsame Bursche da vorne an seinem Pult, der sich sichtlich unwohl fühlt im Frack. Er hat die Evolution rasant durchschritten, war noch vor fünf Jahren Affe und ist jetzt Mensch. Nun steht er also vor uns, der Akademie, und soll berichten, wie das denn war, das Menschwerden.

Faszinierende Mischung Diesen Text bringen Regisseur Christian Suhr und Schauspieler Kai Windhövel in einer faszinierenden Mischung aus emotionalem Prickeln und intellektueller Herausforderung auf die Bühne der Kammerspiele des Theaters Heilbronn. Neu ist die Inszenierung nicht: Das Duo Suhr/Windhövel begeisterte bereits das Publikum im Neuen Theater Senftenberg und im Volkstheater Rostock mit Kafkas zivilisationskritischem Text. Bei der Premiere am Freitag in Heilbronn gab es langen, lautstarken Applaus.

Freiheit ist ein Wort, das dem Neumenschen nur schwer über die sabbernden Lippen will. Als er von einem Team der Firma Hagenbeck an der Goldküste eingefangen und seiner Freiheit beraubt wird, hat er nur eines im Sinn: einen Ausweg finden. Die missliche Lage in einem Käfig an Bord des Schiffes ist die Initialzündung für die Entwicklung zum Menschen. Als Affe hatte er keinen Begriff von Freiheit, sie war einfach selbstverständlich. Daher: "Nein, Freiheit wollte ich nicht. Nur einen Ausweg." Und den findet er schnell: Flucht ist nicht möglich, weshalb als einziger Weg das Nachahmen bleibt. "Es war so leicht, die Leute nachzuahmen", wenngleich es ihm beim "trüben Blick dieser Menschen" wenig verlockend erscheint, so zu werden wie sie. Am Ende bleiben ihm nur zwei Möglichkeiten: Zoo oder Varieté. Er entscheidet sich für die Kunst und schließt auf gewisse Weise den Kreis, indem er sich zum Affen macht. Als Krone der Schöpfung hält er sich übrigens "eine kleine halbdressierte Schimpansin, und ich lasse es mir nach Affenart bei ihr wohlergehen."

Kai Windhövel spielt diesen Rotpeter mit faszinierender Intensität. Eine herausragende mimische und gestische Leistung. Dieser schwitzende, sich affenartig bewegende Kerl, der immer wieder in Gebrüll ausbricht und zwischendurch "Ich bin der König im Affenstall" aus dem Film "Das Dschungelbuch" singt, ist anziehend und abstoßend zugleich. Aber er ist ein Mensch wie du und ich mit der "Durchschnittssbildung eines Europäers". Der Spiegel, den er uns vorhält, ist das eigentlich Erschreckende an diesem großartigen 50-minütigen Theaterabend.

Die nächsten Vorstellungen sind am 11. Dezember und 12. Januar, jeweils 20 Uhr. Karten: 07131 / 56 30 01.



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