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Welches Gesetz?
Von unserer Redakteurin Claudia Ihlefeld
Heilbronn - Josef K. ist korrekt, Prokurist einer Bank, unverheiratet, Untermieter in einer Pension. Ab und zu scheint er eine Geliebte aufzusuchen. An seinem 30. Geburtstag erlebt er eine Überraschung, die sein Leben verändert. "Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet", beginnt K. in dritter Person von sich zu erzählen: In jener sachlich-distanzierten Sprache, mit der Franz Kafka Hochdramatisches absurd erscheinen lässt.
Kafkas unvollendeter, 1925 posthum erschienener Roman "Der Process" ist ein Meisterwerk über die Verzweiflung, die der Einzelne im Labyrinth einer anonymen Welt erduldet. Als kafkaesk gilt dieses ausweglose Dasein, das sich jeder Sinnsetzung entzieht: In einer Bühnenfassung von Peggy Mädler und in der Regie von Intendant Axel Vornam hatte nun "Der Process" im Großen Haus des Heilbronner Stadttheaters Premiere.
Viel Applaus gab es vor allem für Sebastian Weiss als Josef K., nicht nur aufgrund der Textmenge, die der junge Schauspieler bewältigt. Weiss nähert sich der schwarz-weiß-geschminkten Welt Kafkas mit groteskem Staunen. Sein Held, der scheitern muss und am Ende stirbt "wie ein Hund", ist sich zwar keiner Schuld bewusst, dennoch nimmt er gewissenhaft den Kampf gegen undurchsichtige Strukturen auf.
Ohnmachtfantasien
Dieser Josef K. nimmt nach und nach die Rolle des Angeklagten ohne Anklageschrift physisch und psychisch an, ein diffuses Schuldgefühl wider Willen. Gerade weil er weiter seiner Arbeit nachgehen darf, gerät er in eine ausweglose Situation.
Die nachtdunkle Ausstattung von Tom Musch mit wirkungsvollem Licht (Carsten George) grenzt mit einer raumgreifenden, mobilen Schräge den Handlungsradius von K. ein, macht ihn zum Gefangenen. Die Bühne wird zu dem Dachboden einer anonymen Mietskaserne, auf dem sich das Gericht befinden soll, das Josef K. nicht fassen kann. Ob sein Prozess voranschreitet, ob K. träumt, welches Gesetz hier gilt, weiß weder er noch der Zuschauer.
Wie das Gelächter von Saboteuren klingen die Bekundungen all der Figuren hinter diesem surrealen Setting: die Wächter, Kollegen, Gerichtsdiener, die Mädchen, ein Prügler, ein Kaplan, weitere Angeklagte, ein Untersuchungsrichter. Um die Verschwörung voranzutreiben, schlüpfen die Schauspieler in verschiedene Rollen. Bis K. am Vorabend seines 31. Geburtstags von zwei dunklen Herren abgeholt wird.
Wer Kafka auf die Bühne bringt, bedient sich gern bei der Ästhetik des Expressionismus, verwendet schräge Ebenen, illustriert mit Schatten, Elementen aus Stummfilm und Slapstick und mag auf die traurige Komik eines Buster Keaton nicht verzichten. Mit aufgerissenen Augen voll stummen Schreis ist der Josef K. von Sebastian Weiss ein kafkaesker Held wie er im Buche steht.
Die Frauen, auf die er trifft, sind ihm so wenig Hilfe wie die Männer, die mit der Gerichtswelt in Verbindung stehen. Bei Vornam verfügen weder Fräulein Bürstner (Susan Ihlenfeld), die Wäscherin (Angelika Hart) noch das Advokaten-Luder Leni (Ihlenfeld) über die unheimliche, subtile, erotische Macht von Kafkas Frauenfiguren. Vornam zeichnet sie als kreischend plakative Sünde, als Sex-Hexen mit rot verschmierten Schnuten.
Durch die Konzentration auf die Figur des Josef K. läuft die Inszenierung mitunter auf der Stelle, hat Längen als wäre es ein Hörspiel. Nach der Pause wird der Albtraum dann in der Magengegend spürbar, spielt die Regie mit dem Zuschauer wie Kafka mit dem Leser. Zynische Machtfantasien blitzen auf, als K.s Onkel (Stefan Eichberg) Josef zu dem zwielichtigen Advokaten (Frank Lienert-Mondanelli) führt, dem ein dem Wahnsinn naher Mandant (Till Schmidt) willig die Füße leckt: Vorauseilender Gehorsam, Abhängigkeit, Schuldgefühle und Furcht, eine gefährliche Mischung.
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