Vom Fressen und Gefressenwerden

Von Claudia Ihlefeld

Vom Fressen und Gefressenwerden
Der schwarze Hund mit den blutunterlaufenen Augen und andere tierische Geschichten: Jerry (Tobias D. Weber, rechts) reizt Peter (Raik Singer).Foto: Studio m42 

Heilbronn - Ein sonniger Sonntagnachmittag im Park, Vogelgezwitscher. Die Idylle trügt, wie immer bei Stücken von Edward Albee.

Auf einer jungfräulich weißen Bank sitzt ein gepflegter Herr, will in Ruhe lesen, eine Auszeit von der Familie. Drei Stellwände, rechts, links, hinter der Bank, grenzen den Raum in den Kammerspielen nochmals ein und verstärken die Guckkastenatmosphäre (Bühne: Lars Betko).

Verrätselt absurde Beziehungsgeschichten und brillante Dialoge sind die Spezialität des US-amerikanischen Autors Albee, der mit "Die Zoogeschichte" 1958 ein genial einfaches Stück geschrieben hat über die Begegnung zweier unterschiedlicher Männer, die komödiantisch beginnt und dramatisch endet.

Albees Bühnenerstling, den in den USA zunächst niemand spielen wollte, wurde 1959 am Schiller-Theater in West-Berlin uraufgeführt. Alejandro Quintana hat den Einakter für zwei Personen am Heilbronner Theater angenehm unaufgeregt und punktgenau inszeniert, dass es sich lohnt, 70 Minuten genau zuzuhören: Weil Quintana Albees zeitlose Studie menschlicher Beziehungen nicht zwangsaktualisiert. Und, weil Tobias D.Weber und Raik Singer das beklemmend komisch und abgrundtief tragisch spielen.

Aggressives Verhör

Peter (Singer), in einer leitenden Funktion bei einem New Yorker Verlag, macht es sich auf seiner Parkbank bequem und greift zum Buch, als ihn von hinten ein Mann anspricht. Scheint Jerry (Weber) zuerst bloß nach dem Weg zu fragen, drängt sich der Sonderling nun mit bohrenden Fragen und seinen Antworten auf. Jerry ist aggressiv und nervt, die Begegnung gerät zum Verhör. Indem er Peter in ein Gespräch verwickelt, erzählt Jerry bruchstückhaft die eigene triste Lebensgeschichte vom einsamen Wolf, der keine Nähe aufbauen kann. "Ich hatte versucht, zu lieben. Ich hatte versucht, zu töten." Beides ist misslungen.

Die beliebte Theater-Konstellation − Außenseiter trifft Etablierten − schlägt bei Albee weitere, fast philosophische Volten. Homo homini lupus est, der Mensch ist des Menschen Wolf, ist seit Thomas Hobbes nicht neu. Dass Jerry entsprechend auch im Zoo war, die Tiere vor und hinter den Gitterstäben zu studieren, ist nur eine Seite der Medaille.

Jerry muss andere Geschichten vom Menschen und vom Tier loswerden. Etwa die vom schwarzen Hund mit den blutunterlaufenen Augen, vom pornografischen Quartettspiel und fehlgeschlagenen Beziehungen zu Frauen. Als Peter gehen will, lässt Jerry das nicht zu, schubst und verdrängt ihn von der Bank, schlägt eine härtere Gangart ein. Inzwischen ist man auch per Du.

Wie Tobias Webers Jerry das Tier in Raik Singers Peter weckt und der sich provozieren lässt, ist feinster Thrill mit ganz wenig Mitteln. Als Jerry mit einem Messer Peter bedroht und ihn dazu bringt, das Messer selbst in die Hand zu nehmen, eskaliert der Sonntagnachmittag.



termine23besenkalenderverkehrspiele




Archivsuche