"Religion gehört zur Allgemeinbildung"

Heilbronn - Es passt zum anstehenden Papstbesuch: Claudia Bignion hat jüngst ihre Doktorarbeit "Der Papst und der menschliche Körper" veröffentlicht. Leonore Welzin hat sich mit der Medizinerin aus Heilbronn unterhalten.

"Religion gehört zur Allgemeinbildung"
Wie gehen katholische Kirche und Papst mit dem medizinischen Fortschritt um? Claudia Bignion ist dem Thema in ihrer Doktorarbeit nachgegangen.Foto: Welzin

Heilbronn - Es passt zum anstehenden Papstbesuch: Claudia Bignion hat jüngst ihre Doktorarbeit "Der Papst und der menschliche Körper" veröffentlicht. Leonore Welzin hat sich mit der Medizinerin aus Heilbronn unterhalten.

Ein eigenwilliger Titel: "Der Papst und der menschliche Körper", ist das Buch Ihr Erstling?

Claudia Bignion: Ja, es ist meine Dissertation. Mein Doktorvater fand, es sei schade, wenn die Arbeit im Archiv verstaubt. Er hat mir den Verlag empfohlen, ich habe angerufen und hatte innerhalb von zwei Stunden einen Vertrag.

Sie haben in den USA einen Bachelor in Dental Hygiene gemacht und in Heidelberg Medizin studiert. Wie sind Sie auf den Papst gekommen?

Bignion: Bei einem Aufenthalt in Südafrika bin ich im Museum eines Krankenhauses der Schweizer Mission, dem Elim-Hospital in Limpopo, auf Patientenbücher aus dem vorigen Jahrhundert gestoßen. Systematische Aufzeichnungen zu Anamnese, Diagnose und Therapie, die noch nicht erforscht sind. Wolfgang Eckart, mein Doktorvater und Leiter des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin, hatte aber ein anderes Thema im Kopf. Er stellte mir drei Fragen: Sind Sie katholisch oder evangelisch? Können Sie Englisch, Französisch, Latein? Wann haben Sie das letzte Mal einen Text verfasst, der länger als eine E-Mail war? Nachdem ich seiner Meinung nach alle Voraussetzungen erfüllte, will heißen als Atheistin die geforderten Sprachen beherrsche und als Oberstudienrätin Texte strukturieren kann, hatte ich das Papst-Thema an der Backe. Erstmal habe ich geschluckt. Dann habe ich mir ein Herz gefasst und gedacht es ist spannend und irgendwie mein Ding.

Sie sind bekennende Atheistin, was sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit Religion und Kirche?

Bignion: Meine erste Berührung mit der katholischen Kirche hatte ich als Kindergartenkind in Italien. Dort musste ich jeden Morgen das Kreuz der Nonne küssen. Obwohl mein Elternhaus evangelisch ist, ging ich später in Deutschland in die Jungschar. Bei den Katholiken wurde Theater gespielt, da war mehr los. Als Teenager habe ich im evangelischen Kirchenchor gesungen. Ich bin konfirmiert und habe meinen Sohn konfirmieren lassen. Religion gehört zur Allgemeinbildung.

Was genau haben Sie dann in Ihrer Dissertation untersucht?

Bignion: Wie ist die katholische Kirche mit dem medizinischen Fortschritt im 19. und 20. Jahrhundert umgegangen? Welche Handlungsstrategien haben Päpste entwickelt, um ihre Kirche zu behaupten. Wem gehört der menschliche Körper, dem Menschen selbst oder Gott? Was bedeutet Krankheit, ist sie eine Strafe für sündiges Verhalten, soll sie zu seelischer Einkehr bewegen? Oder ist sie infektionsbedingt und Folge entarteter Zellen? Kann der Mensch seine Selbstheilungskräfte durch Gebete aktivieren, oder ist er auf Medikamente und Operationstechniken angewiesen?

Sind Sie Benedikt XVI. je begegnet?

Bignion: Im April 2010 war ich in Rom beim Segen Urbi et Orbi und bei einer Generalaudienz. Benedikt wird gefeiert wie ein Popstar. Die Fans aus aller Welt geraten in ein Papstfieber, dem man sich kaum entziehen kann. Dazu die atemberaubende Architektur des Petersdoms. Da überfällt einen eine Art Glaubensgewissheit: Eine Religion, die sich ein solches Denkmal setzt, muss wahr und richtig sein.

Bei aller inszenatorischen Versuchung: das Fazit Ihrer Recherchen?

Bignion: Was macht die Medizin, wie reagiert die Kirche? Es geht im Kern um Deutungsmacht. Meine Schlussfolgerung: Wenn die Kirche noch zu retten ist, sollten sich die alten Männer zusammenraufen und sich dem Leben von heute öffnen.

Und Ihre persönlichen Forderungen?

Bignion: Die Aufhebung von Kondom-, Pillen-, Prostitutions- und Masturbationsverbot. Damit es ehrlicher zugeht, sollten das Zölibat abgeschafft und homosexuelle Ehen akzeptiert werden.

Claudia Bignion Centaurus Verlag

190 Seiten, 24.80 Euro