Mann der leichten Muse

Heilbronn - Mal angenommen, David Garrett würde nur Klassikprogramme spielen, kein Crossover, und sähe aus wie Mr. Bean. Wäre er dann ein derart gefeierter Star? Wohl kaum.

Von Uwe Grosser

Mann der leichten Muse
Ein Popstar beim Recital, ohne Orchester, ohne Band, nur mit Klavierbegleiter: David Garrett mit seiner San-Lorenzo-Stadivari von 1718 in der Harmonie.Foto: Ralf Seidel

Heilbronn - Mal angenommen, David Garrett würde nur Klassikprogramme spielen, kein Crossover, und sähe aus wie Mr. Bean. Wäre er dann ein derart gefeierter Star? Wohl kaum. Der gern als "David Beckham der Violinisten" bezeichnete Geiger ist ein Künstler, der in Sachen Selbstvermarktung neue Maßstäbe setzt, bei manchen Fans aber auch für Verwirrung sorgt. In der mit 2000 Besuchern ausverkauften Harmonie gibt es einige lange Gesichter: Kein Orchester, nur ein Klavier als Begleiter, und auf dem Programm Brahms, Mozart oder Beethoven, kein "Fluch der Karibik"-Soundtrack, keine Michael-Jackson-Songs.

Auf dem Barhocker

Dass das Publikum in der Harmonie kaum Klassik-Erfahrung hat, wird schon daran deutlich, dass zwischen den Sätzen der einzelnen Sonaten applaudiert wird. Dem Deutsch-Amerikaner ist das egal, er genießt es sogar. Und so spielt er sich lässig auf dem Barhocker sitzend, mit Jeans, grauem Hemd und dunklem Jackett durch sein Recital, wie man Konzerte mit nur ein bis zwei Musikern auf der Bühne nennt. Der zweite heißt Julien Quentin und ist ein famoser Klavierbegleiter, was schon bei Brahms' Sonate für Violine und Klavier Nr. 3 hörbar wird.

Leichter Brahms

Die war Teil von Garretts erstem Konzert nach dem Studium an der Juilliard School in New York: "Ich verbinde mit dem Stück den Einstieg ins Berufsleben, aber auch das Ende der Studentenpartys", verrät er dem Publikum. Der schwere Brahms klingt bei Garrett merkwürdig leicht, wodurch aber einiges an Tiefe verloren geht. Gleiches gilt für Beethovens "Frühlingssonate" und Mozarts Sonate Nr. 18: blitzsauber gespielt, die virtuosen Passagen mit viel Fingerfertigkeit, doch der klare Gestaltungswille fehlt.

Der einstige Kinder- und Jugendstar der Klassikszene hat sich in eine andere Richtung entwickelt, was schon an seinem andauernden Aufstampfen mit dem rechten Fuß deutlich wird. Fetzige Popsongs, James-Bond-Melodien, das ist seine Welt, in der er mit viel Selbstbewusstsein lebt: "Du musst ein Weltklassegeiger sein, um eine gute Crossover-CD zu machen", schreibt er in seinem Programmheft.

Zur Weltklasse eines Vadim Repin, einer Hilary Hahn oder Anne-Sophie Mutter fehlt dem 28-Jährigen einiges. Dass der als "schnellster Geiger der Welt" geführte Garrett eher in der leichten Muse zu Hause ist, zeigt der Zugabenteil: Fritz Kreislers zauberhaftes "Liebesleid" oder Paganinis "Karneval in Venedig" − bei uns auch bekannt als "Mein Hut, der hat drei Ecken" −, das hat Esprit, hier ist der gebürtige Aachener in seinem Element. Da sind auch die Fans des Crossover-Garrett wieder versöhnt.