Literadeln zu Goes, Mörike und Kerner

Region Heilbronn - Per Pedal zur Poesie: Einweihung der 40 Kilometer langen Strecke A2. Wer sich radelnd durch die an Literaturmuseen so reiche Region bewegt, lernt viel. Über nicht institutionalisierte Orte, die die Literaten bedichteten, über Orte, wo sie geboren wurden, lebten oder starben oder auch nur eine, wenn auch entscheidende Nacht verbrachten.

Von Andreas Sommer

Hier beginnt der literarische Radweg: Im Unteren Kirchle in Langenbeutingen...

Region Heilbronn -  Als wir die Stadtbahn in Bretzfeld verlassen, regnet es in Strömen. Aber hartgesottene Literatur- und Fahrradfreunde kann das nicht erschüttern. Sieben Kilometer sind es bis zur ersten Station des zweiten literarischen Radwegs in Baden-Württemberg, die Albrecht-Goes-Stube im Unteren Kirchle in Langenbeutingen.

Dort angekommen, sind wir patschnass. Doch das Angebot, den Bus zu nehmen, wird ausgeschlagen. Und das schmucke kleine Museum im Geburtsort des Dichterpfarrers wartet nicht nur mit einer sehenswerten Ausstellung auf, sondern auch mit Kaffee und Hefezopf.

Wer sich radelnd durch die an Literaturmuseen so reiche Region bewegt, lernt viel. Über nicht institutionalisierte Orte, die die Literaten bedichteten, über Orte, wo sie geboren wurden, lebten oder starben oder auch nur eine, wenn auch entscheidende Nacht verbrachten.

...und hier endet er: im 1822 erbauten Kernerhaus zu Weinsberg.
Man lernt aber auch viel über Menschen in der Region, die jenseits der akademischen Beschäftigung mit Literatur ihre Museen hegen und pflegen, ehrenamtlich Dienst tun und zu recht stolz darauf sind, weil sie zur Identitätsfindung beitragen. Manch verwackeltes Foto aus dem Familienalbum oder manch vergilbtes Papier versprüht den Charme des Unperfekten. Doch in diesen Häusern wird museale Basisarbeit geleistet, ohne die die Überlieferung des wertvollen Literatur-Erbes unmöglich wäre. Und was steht am Ende eines jeden Museumsbesuchs wie das Amen in der Kirche? Der erbetene Eintrag ins Gästebuch.

Begrüßt wird man mit Gedichten, wie in der Goes-Stube Langenbeutingen von Bürgermeister Tilman Schmidt oder mit einem zum Wetter passenden Regengedicht im Mörike-Museum Cleversulzbach. Dort gibt es zur Eröffnung des Radweges zudem leckeres Laugengebäck in Turmhahnform, nur eines der liebevollen Details auf der 40 Kilometer langen, leicht zu fahrenden Tour auf Feldwegen, an Bächen entlang und durch Weinberge. Nach dem ersten literarischen Radweg von Lauffen über Brackenheim nach Bönnigheim geht es nun zwischen Hohenlohe und Neckartal von Albrecht Goes über Eduard Mörike und Wilhelm Ganzhorn nach Weinsberg zu Justinus Kerner.

Wie sein im Juni eröffnetes Pendant im Zabergäu ist der Radweg ein Kind der Marbacher Arbeitsstelle für literarische Museen in Baden-Württemberg. Dessen Leiter Thomas Schmidt hat das Projekt „Per Pedal zur Poesie“ ins Leben gerufen, um die mit 100 Dauerausstellungen sehr reiche literarische Landschaft Baden-Württembergs im wahrsten Sinn des Wortes erfahrbar zu machen.

Hier lang: Kurz vor Cleversulzbach grüßt Mörikes Turmhahn. Der untere Wegweiser gilt für alle literarischen Radwege Baden-Württembergs.Fotos: Andreas Sommer
Die A2 betitelte Route hat der Stuttgarter Literaturkenner Bernd Möbs im Auftrag von Schmidt erarbeitet. Möbs berichtet in Langenbeutingen über eine Radreise von Stuttgart nach Cleversulzbach, die Goes 1946 mit zwei jungen Begleitern unternommen und später als „Schwäbische Herzensreise“ in Buchform veröffentlicht hat. Am Ende ist sogar Albrecht Goes’ helle Stimme vom Band zu hören.

Turmhahn

In Cleversulzbach hat Mörike eine literarisch sehr produktive Phase erlebt. Doch statt Predigten zu schreiben, so Möbs, besang er lieber das Tor zum Pfarrgarten. Der Turmhahn ist überall präsent, und Neuenstadts engagierter Bürgermeister Norbert Heuser, der einen Teil der Strecke mitradelt, erläutert den Mörike-Slogan seiner Kommune: „In ein freundliches Städtchen tret’ ich ein...“

Vorbei an der Ruine der Helmbundkirche, für deren Erhalt sich der Neckarsulmer Oberamtsrichter Wilhelm Ganzhorn einsetzte, radelt der Tross zum Museum im Schafstall. Dort erfährt man von Gottfried Reichert vom Heimatverein Wissenswertes über Mörikes Verwandtschaft, die in Neuenstadt eine Apotheke betrieb und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit pfefferkorngroßen Blutreinigungspillen steinreich wurde.

Durch stille Wälder und sattgrüne Weinberge führt der Radweg nach Weinsberg zum 1822 erbauten Kernerhaus. Dort warten Brot, Käse, Obst und Wein, eine junge Rezitatorin und ein Maultrommelspieler. Der mythische Ort, Treffpunkt der schwäbischen Romantik, ist eine Fundgrube von Geschichten und Anekdoten, die Bernd Liebig während seiner Führung sehr unterhaltsam rüberbringt.

www.literaturland-bw.de