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Kopfsprünge und andere Sorgen
Von Andreas Sommer
Heilbronn - Wer in den 70er Jahren pubertierte, sah Frank Wedekinds Drama "Frühlings Erwachen" von 1891 und wurde Zeuge, wie Jugendliche am Unverständnis der Erwachsenenwelt und der starren Sexualmoral der Wilhelminischen Zeit zugrunde gehen. In der Schullektüre gab es Robert Musils Roman "Die Verwirrungen des Zöglings Törless" von 1906 und Diskussionen über die verwirrende Pubertätszeit in einem Internat. Als Kontrastprogramm folgte Hermann Hesses Roman "Unterm Rad".
Pubertät ist das schlimmste Gefühlschaos, das man sich vorstellen kann − und weit mehr als ein intellektuelles Problem. Doch es gab ja die Rockmusik, mit deren Hilfe man emotionale Wallungen kanalisieren konnte auf der Suche nach der eigenen Identität.
Im Schwimmbad
Heute gibt es Autoren wie den Schweizer Andri Beyeler, der das Thema Pubertät leicht und locker anpackt, ohne jemals seicht oder anzüglich zu werden. Er bedient sich beim Titel seines im September 2002 am Hamburger Thalia Theater uraufgeführten Stücks "The killer in me is the killer in you my love" der Rockmusik in Form einer Liedzeile aus dem bittersüßen Song "Disarm" (1993) der amerikanischen Rockband Smashing Pumpkins. Nils Brück hat das Stück nun für die Heilbronner Kammerspiele inszeniert und mit seinem frischen Zugriff und einem prima harmonierenden Ensemble einen Abend geschaffen, in dem sich Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen wiederfinden können.
Sommer im Schwimmbad. Gerber (Alexander Darkow souverän zwischen obercool und unheimlich verletzlich) und Surbeck (liebenswert verpeilt: Sebastian Weiss) rauchen ihre ersten Zigaretten und beobachten Hanna (authentisch in Intonation und Körpersprache: Susan Ihlenfeld) und Lena (Julia Apfelthaler) in der Umkleidekabine. Klein Gerber (sympathischer Spielverderber: Felix Jeiter), Gerbers kleiner Bruder, nervt die Großen und wird zum Zigarettenholen geschickt.
Hanna legt sich in die Nähe der Tischtennisplatte der Jungs und weiß um ihre Ausstrahlung. Lena leidet unter ihrer Essstörung. Julia Apfelthaler spielt das Mädchen, das gut im Volleyball ist, sich aber auswechseln lässt und beim Schwimmen am liebsten ihr T-Shirt anlassen würde, glaubwürdig als ebenso gehetzte wie gehemmte Außenseiterin. Gerber schafft seinen ersten Kopfsprung und mit Hanna den ersten Kuss. Sie werden ein Paar, aber bleiben es nicht lange.
Pornohefte
Man kifft und guckt Pornohefte. Am Ende dieses Sommers liegt alles in der Schwebe. Surbeck ist der einzige, der noch schwimmen geht. In Szenen und Monologen schildert Andri Beyeler die Ereignisse aus der Sicht aller Protagonisten. Seine Sprache ist rhythmisch, wiederholt vieles und verlangt den Schauspielern oft Hochgeschwindigkeitsmonologe ab. Gerade die wirken so authentisch, weil sie Chaos und Fiebrigkeit der Pubertät abbilden.
Zu dieser Sprache findet Nils Brück starke Bilder, indem er "seine" Jugendlichen tanzen, rappen, posen und Musik machen lässt. Der Regisseur sorgt für eine klug choreografierte Bewegung rund ums Schwimmbad (Bühne: Lars Betko) und lässt genug Platz für nachdenkliche, stille Passagen. Die fabelhaften Rauchszenen nehmen Anleihen bei Comic und Pantomime. Und als der Herbst kommt, schmeißt Klein Gerber ein paar Säcke Laub ins Becken, worauf ein leichter Modergeruch in den Kammerspielen wabert.
Heute wissen Jugendliche fast alles über Sex, aber der Unterschied zwischen virtueller und realer Liebe ist trotz − oder gerade wegen − der neuen Medien nach wie vor groß. Weil Sprachlosigkeit ebenso wenig unterzukriegen ist wie Imponiergehabe, Sehnsucht nach Beachtung und Angst vor Nichtanerkennung. Dieses ewige Pubertätsdilemma verhandeln Stück und Inszenierung für alle Generationen nachvollziehbar mit viel Witz und Situationskomik. Riesenbeifall nach 75 Minuten.
Mittwoch, 9. März, 20 Uhr, Dienstag, 22. und Mittwoch, 23. März, jeweils 11 Uhr, in den Kammerspielen Heilbronn. Karten: Telefon 07131 563001 oder 563050.
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