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Komm mit ins Land, wo der Mohn blüht
Von unserer Mitarbeiterin Michaela Adick
Heilbronn - Und wenn die Welt gleich unterginge: Sie würden gar nicht auf die Idee kommen, ein Apfelbäumchen zu pflanzen. Wie abwegig. Sie würden weiter singen und schmachten, tanzen und tirilieren. Und ihre unseligen Geschäfte treiben. Auf dass der Tanz auf dem Vulkan nie zu Ende gehen möge. Denn die Zeiten, sie sind halt so. Waren es schon immer.
Ob nun 1924, kurz nach dem Weltkrieg und wenige Jahre vor der Weltwirtschaftskrise, dem Jahr in dem Emmerich Kálmán seine späte Operette "Die Gräfin Mariza" am Theater an der Wien uraufführte. Oder 2012, mitten in der Weltwirtschaftskrise. Die Akteure haben sich nur einen neuen Anstrich gegeben. Aus den pomadisierten Hasardeuren und Bankrotteuren mit Puszta-Charme von gestern wurden die gegelten Heuschrecken der New Economy von heute, deren Wirtschaftsblase unsanft geplatzt ist.
Typen mit einem eher zweifelhaften Charmequotienten. Aber man kann ja nicht alles haben. Was bleibt ist der Schampus, der in Strömen fließt. Und die unsterblichen Ohrwürmer mit Wiener Charme. "Komm mit nach Varasdin" und "Sag ja, mein Lieb, sag ja", Lieder die vom Orchester unter Leitung von Christian Garbosnik mit einem Hauch Wehmut angestimmt werden.
Ausverkauft
Denn als ganz köstlichen Tanz auf dem Vulkan hat Regisseur Axel Köhler seine "Gräfin Mariza" für die Staatsoperette Dresden eingerichtet: Als charmante Räuberpistole, die vom Premierenpublikum mit warmen, herzlichen Applaus bedacht wurde. Längst ist das viertägige Gastspiel im Großen Haus des Stadttheaters Heilbronn ausverkauft.
Dabei geht Axel Köhler behutsam vor. Vorsichtig hat er die ein oder andere Korrektur vorgenommen, das ewig menschelnde Bäumchen-wechsel-Dich-Märchen aufgefrischt. Gräfin darf sie immerhin bleiben, die liebe Mariza. Ihre Schlösser darf sie behalten. Ihre Liebhaber gekonnt austricksen auch. Doch wie Ingeborg Schöpf ihre Mariza ausfüllt: Mit dem Körpereinsatz einer Wuchtbrumme tut sie es und dem Geschäftssinn einer gestrengen Mafia-Patin, "Hanf und Mohn, Gott erhalt’s", einer Fassade unter der immer noch der Schalk eines Mädchens durchschimmert.
Und wie lässig sie mit ihren potenziellen Gefährten fertig wird. Am langen Arm lässt sie sie verhungern, ihre lästigen Mitgiftjäger von Grafen, den draufgängerischen Zsupán − Frank Oberüber spielt ihn als liebestoll-geschäftstüchtigen Gesellen − und Populescu (Gerd Wiemer), den dunklen Gesellen von der Mafia-Front. Ihren Meister findet sie wie jeher im steckbrieflich gesuchten Tassilo: Der lyrische Tenor Michael Heim spielt ihn ganz weich, ungläubig und irritiert ob des Pechs, das ihn verfolgt.
Strippenzieherin
Abgerutscht ins Prekariat, mit dem lustigen Grafenleben ist’s halt aus und vorbei, verharrt er für den Moment als Zaungast des Glücks. Bald wird er wieder Oberwasser haben. Ein Tassilo fällt nie tief. Als Strippenzieherin vom Dienst, blond und sehr langbeinig, sorgt Jeannette Oswald als Tassilos Schwester fürs Happy Ending. Einem operettenwürdigen Friede-Freude-Eierkuchen-Ende mit einer vom Himmel gefallenen Erbtante.
Bevor die Pfeile Amors treffen, das Ballett der Staatsoperette sorgt für jenen gewissen überdrehten Federboa-Kitsch, der einen wieder an Operettenseligkeit glauben lässt, wird scharf geschossen. Die GSG 7, 8 oder 9 räumt auf. Die Mohnfelder brennen. Ein Start-up muss her. In Budapest oder Varasdin. Herrlich.
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