Käthchen aus dem Groschenheft

Kleist-Archiv lässt 3196-Seiten-Roman nachdrucken

Von Andreas Sommer

Käthchen aus dem Groschenheft
Käthchen aus dem Groschenheft

Kleists „Käthchen von Heilbronn“ hat im 19. Jahrhundert mancherlei populäre Bearbeitung über sich ergehen lassen müssen. Zwei „Käthchen“-Romane sind darunter, einer davon sage und schreibe 3196 Seiten lang, dazu kommen 100 ganzseitige Abbildungen teilweise in Farbe.

Robert Frankenburg ist der völlig unbekannte Autor des Kolportageromans, der um die Jahrhundertwende in Dresden in Fortsetzungen erschienen ist. Eine billig aufgemachte Arme-Leute-Lektüre in 100 Heftchen, das Stück zu zehn Pfennigen. Stilistisch-literarisch bedienen sie eher die Tränendrüsen als das Hirn und vermischen unbekümmert den Kätchen-Mythos mit „Familie Schroffenstein“ und anderen Werken von Kleist.

Im Kleist-Archiv Sembdner im Heilbronner K3 gibt es bereits ein vierbändiges Exemplar des 3196-seitigen „Käthchen“-Romans von Frankenburg als Dauerleihgabe einer Bibliothek am Bodensee. Jetzt ist Günther Emig, Leiter des Kleist-Archivs, im Internet bei Ebay fündig geworden und hat ein zweites Exemplar über einen privaten Vermittler gesichert.

Über einen Neudruck will er den Schinken jetzt zugänglich machen, verteilt auf fünf Bände, jeder 650 bis 700 Seiten dick. 50 bis 75 Buchexemplare sollen es werden, der Preis liegt bei etwa 80 Euro. Das Werk geht am 10. November in Druck. Wer sich bis dahin für ein Exemplar interessiert, kann seinen Namen als Subskribent im letzten Band eingedruckt lesen.

Für Emig ist diese Veröffentlichung ein Beitrag zur Trivialliteratur-Forschung: „Wie wird aus einem hoch poetischen Werk ein Schlüsselanhänger oder eine Käthchenpuppe? Wie wird aus Hochliteratur ein Kolportageroman, der Dienstmädchen und Fabrikarbeiter interessiert?“

Literaturwissenschaftler, Leseforscher und Volkskundler können sich anhand dieses Romans ein Bild machen über die volkstümliche Aneignung des „Käthchen“-Mythos und die gelesene Literatur um 1900: „Der Erfolg des Stücks im Theater vergrößerte seinen Bekanntheitsgrad und ermöglichte Idee und Siegeszug dieser Kolportageromane“, folgert Emig.

Info Kleist-Archiv Sembdner Heilbronn im K3, Telefon 07131/562668. Internet: www.kleist.org