„Im Maul des Drachen“: Lilo Klug stellt ihr Buch vor

Heilbronn - Und dann erzählte der eigene Vater doch tatsächlich von Menschen, die in einer Anstalt unter ganz schrecklichen Umständen dahinvegetieren würden. Vielleicht, so der Vater, hätte der Führer ja doch recht und es wäre besser, wenn man die psychisch Kranken einfach einschläfern lassen würde.

Von Michaela Adick

Heilbronn - Und dann erzählte der eigene Vater doch tatsächlich von Menschen, die in einer Anstalt unter ganz schrecklichen Umständen dahinvegetieren würden. Vielleicht, so der Vater, hätte der Führer ja doch recht und es wäre besser, wenn man die psychisch Kranken einfach einschläfern lassen würde.

Es ist in den späten 30er Jahren, Eva ist gerade in die Schule gekommen, als das Leben ihrer Familie langsam aus den Fugen gerät. Irritierende Dinge passieren, nicht nur diese verhängnisvolle Geschichte, von der sie nie wissen würde, auch nicht nach dem Krieg, ob ihr Vater tatsächlich seine eigene Meinung geäußert hatte.

Volksempfänger Plötzlich taucht ihr Vater in einer braunen Uniform auf, ein Volksempfänger wird angeschafft, das neue Medienzeitalter hat angefangen: Adolf Hitler kommt direkt ins Wohnzimmer. Lilo Klug, lange Jahre Städträtin der Grünen, eine taffe Frau, die sich tatkräftig für das Aufforstungsprojekt „100 000 Bäume für Ghana“ eingesetzt hat, blickt auf. „Seit zwei, drei Jahrzehnten“, so Lilo Klug, wollte sie dieses Buch schreiben. Irgendwie kam ihr immer die Politik dazwischen.

Doch jetzt hat sie ernst gemacht. In der Buchhandlung Dichtung Wahrheit liest Lilo Klug (1933) aus ihren autobiografisch gefärbten Erzählungen „Im Maul des Drachen“ (Schweikert Bonn Verlag, Stuttgart, 12,50 Euro). Eva, so Lilo Klug, müsse man sich als ihre virtuelle Schwester vorstellen, ganz bewusst habe sie darauf verzichtet, eine Autobiografie im eigentlichen Sinn oder eine historische Dokumentation zu schreiben.

Offene Fragen „Es ist gelebtes Leben, das ich einfangen wollte“, so Klug. In Evas Geschichte verschmelzen viele Biografien. Geschickt zeigt Lilo Klug die Deformation einer ganzen Gesellschaft auf. Viele offene Fragen sind ihr persönlich geblieben, alle Versuche einer Aufarbeitung nach 1968 hin oder her. Wie war diese kollektive Gehirnwäsche nur möglich? Wie konnte nur dieses Misstrauen zwischen den Menschen gesät werden?

„Viel zu viel blieb zwischen den Menschen unausgesprochen“, so Klug. Vor, während und nach dem Krieg. Denn, wie im wirklichen Leben, endet auch ihre Geschichte einer Kindheit in der Nazizeit nicht 1945: Die Väter und Brüder kamen aus dem Krieg zurück, das große Schweigen ging erst richtig los.