Hühnerdieb musst du sein und Staatsmann

Von Michaela Adick

Heilbronn - Die Revolution wollte und wollte kein Ende nehmen. Was als Kampf um bürgerliche Grundrechte begonnen hatte, drohte im Jahr vier der Französischen Revolution in einem Blutbad zu enden. Ludwig XVI. starb 1793 unter der Guillotine, später seine Frau Marie Antoinette. Marat wurde ermordet. Ein Terrorregime unter Danton und Robbespierre übernahm das Kommando, das in kürzester Zeit 17 000 Todesurteile vollstreckte. Mit Schaudern reiste Johann Wolfgang von Goethe aus Frankreich ab. Nein, er wollte kein Freund einer derartigen Revolution sein. Doch ganz loslassen konnte er auch nicht. Zu sehr interessierte er sich für Machtstrukturen.

List und Tücke An eine beliebte Volkssage erinnerte Goethe sich in jenen Tagen, an die Geschichte von "Reynke de vos". Er würde diese zeitlos gültige Tierfabel aktualisieren, eine Lehrstück schreiben über List und Tücke in der Politik, Macht und Ohnmacht: und Herrschaftsstrukturen in einer (post)höfischen Gesellschaft.

Frank Lienert-Mondanelli hat nun dieses knifflige Versepos in zwölf Gesängen, das Goethe in Hexametern verfasst hat, für die Bühne adaptiert. In einem zweistündigen Parforceritt − Lienert-Mondanelli ist der Marathon-Mann unter den Schauspielern am Berliner Platz − rekapitulierte er in den Kammerspielen die Geschichte von "Reineke Fuchs", der immer wieder seinen Kopf aus der Schlinge zieht.

Rechtsverdreher Ein Parvenü ist sein Fuchs, ein Dieb, Triebtäter, ja Mörder gar, aber auch ein gewiefter Rechtsverdreher. Eine Mörder-Figur jener Güte, der sich unentbehrlich macht bei Hofe, die aufsteigt zum Berater und Kanzler. Ein König, ein Machthaber jeglicher Couleur, weiß eben − heute wie vor 200 Jahren − so einen Gauner und Überlebenskünstler zu schätzen, so ein Stehaufmännchen, das bereit ist sich im Dienste des Herrn die Hände dreckig zu machen. In einer Kunstsprache, die fern an alte Ufa-Filme erinnert, hat Frank Lienert-Mondanelli seinen "Reineke Fuchs" angelegt. Mit mephistophelischer Haltung nähert er sich ihm an und sparsamen Gesten. Wieselflink, spielerisch, wie nebenbei schlüpft Lienert-Mondanelli dabei auf der schwarzen, mit wenigen Podesten und noch weniger roten Glanzpunkten ausgestatteten Bühne − Handschuhe, ein Prunkkissen, ein Samtvorhang sind Effekt genug − in die ungezählten Tierrollen. Schließlich steht ein Gerichtshof der Tiere an.

Aalglatt Doch im Zentrum seines Tuns steht die Entwicklung des Reineke. In einer feinen Charakterstudie zeigt er eine aalglatte, niederträchtige, hinterhältige Figur, die Erinnerungen wachruft an so manchen Politikerdarsteller der letzten Jahrzehnte, der über Leichen gegangen ist. Immer getreu dem Motto, dass das Ziel die (unsäglichen) Mittel schon heiligen würde. Wobei das Ziel − heute wie in Zeiten der Revolution − gleich geblieben ist. Um Macht geht es natürlich, um Einfluss und Geld.

Zwischen Abscheu und Bewunderung verfolgt man den Aufstieg des Hühnerdiebs zum Staatsmann. Liebt man sie nicht an und für sich, diese Schlawiner, Überlebenskünstler, Ganoven? Und was macht Frank Lienert-Mondanelli? Er scheint selbst verblüfft zu sein, dass sein Reineke mit seinem Lug und Trug durchkommt. Lang anhaltender Beifall für eine bravouröse Leistung.

Kammerspiele Heilbronn, Donnerstag, 5. Mai, 20 Uhr.

Karten: 07131 563001.



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