Hübsch um die Ecke gedacht

Von Michaela Adick

Wie das Jazz-Trio (em) im Cave 61 den Klischees trotzt

Hübsch um die Ecke gedacht
Loten die Grenzbezirke zwischen Neuer Musik und freiem Jazz aus: (em), das sind Michael Wollny (Klavier), Eva Kruse und Eric Schaefer.

Foto: Marc Schmerbeck

 

Verdammt noch einmal, was sind das nur für verkappte Romantiker. Gustav Mahler im Jazzclub, wann hätte man das dort je zu Ohren bekommen? Es gibt nichts dran zu rütteln, das Berliner Jazztrio mit dem sprechenden Namen (em) spielt tatsächlich „So will die Sonn’ nun untergeh’n“. Frech, schräg und vor allem so abgebrüht, als ob es das Normalste der Welt sei.

Dabei geht das Piano-Trio um den jungenhaften Pianisten Michael Wollny im Jazzclub Cave 61 im K3 Heilbronn bei ihrem Tournee-Start auch noch lässig und gemeingefährlich raffiniert zur Sache. Ausgerechnet der Schlagzeuger soll dem Mahler nämlich neue Töne beibringen. Eric Schaefer, der sich als Christoph Castl-Schüler der Stockhausen-Schule verbunden fühlt, verlässt sich auf Dissonantes, er lässt sein Schlagzeug krächzen, entlockt ihm Sphärisches.

Die Saat ist also gelegt und der zuweilen durchaus sperrige Sound festgelegt, wenn die Kontrabassistin Eva Kruse, bekannt aus dem Weilheimer Tied & Tickled Trio, einsteigt und sich nach kurzem Zögern auch noch der kleine Derwisch am Klavier Michael Wollny mit kleinen Ton-Tupfern zu Wort meldet: Das Trio, das mit den klassischen Rollenverteilungen nichts mehr am Hut hat und sich explizit als Kollektiv verstanden wissen will, hat Mahler in seine Einzelteile zerlegt, ihn auf mehrere durchaus nicht immer parallel laufende Tonspuren verlegt und dabei ganz en passant eine Spannung erzeugt, wie man sie selten erlebt.

Und das Verblüffende ist: Die jungen Musiker, die alle in den späten 1970er Jahren geboren sind und seit einigen Jahren zusammenspielen , sie halten die Spannung über zwei ganz außergewöhnlich dichte Sets, die nichts, aber auch gar nichts Beliebiges an sich haben: Nicht mit Gustav Mahler versteht sich, sondern mit Eigenkompositionen, die die Grenzbezirke ausgerechnet zwischen Neuer Musik und freiem, groovendem Jazz ausloten.

Das klingt per se inkompatibel? (em) fordern die Zuhörer im Cave mit ihren hübsch um die Ecke gedachten Geschichten zweifelsohne heraus. Verzwickte, eigenwillige Geschichten präsentieren sie da, über Comicfiguren, Echsen und japanische Regisseure, über den Typen des „Phlegma Phighter“, dem sie sich innerlich angeblich verbunden fühlen. Phlegma, das Wörtchen möchte man im Zusammenhang mit diesem agilen Trio nun wirklich nicht in den Mund nehmen müssen.



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