Die vielen Möglichkeiten, aufrecht zu gehen

Von unserer Redakteurin Claudia Ihlefeld

Die vielen Möglichkeiten, aufrecht zu gehen
Mensch, Tier, Maschine? Marie Chouinards Erfolgsproduktion "Body_Remix/Goldberg_Variations" von 2005 ist nun in Heilbronn zu sehen.Fotos: Theater Heilbronn 

Heilbronn- Mit wenig Geld viel auf die Beine stellen: Das will das Festival "Tanz! Heilbronn" und wählt für die vierte Auflage der Reihe für zeitgenössischen Tanz das Motto "Der aufrechte Gang".

Nationale und internationale Compagnien und Performer hat Karin Kirchhoff, freie Tanzkuratorin aus Berlin, für das Festival ausgewählt, das an fünf Tagen an den drei Bühnen des Stadttheaters die Vielfalt menschlicher Bewegungsmöglichkeiten vor Auge führt mit Gästen aus Genf, aus London, Brasilien, aus Paris, Montreal und Bielefeld. Begleitend finden wieder ein Projekt mit Schülern und vier Workshops für tanzbegeisterte Laien statt.

Bekenntnis

Den aufrechten Gang darf man wörtlich nehmen: als Bekenntnis zum zeitgenössischen Tanz. Um 20 000 Euro hat das Theater den Etat für "Tanz! Heilbronn" auf 100 000 Euro aufgestockt, eine Umschichtung innerhalb des Gesamtetats des Hauses. Und man darf ihn im übertragenen Sinn verstehen: der aufrechte Gang als couragiertes Miteinander. Unter dieser programmatischen Klammer reflektieren die Schweizer Compagnie Alias, Condoco Dance Company aus London, der Brasilianer Vanilton Lakka, die französische Compagnie Retouramont, die Kanadierin Marie Chouinard und der Afrikaner Tchekpo Dan Agbetou Fähigkeiten und Grenzen des Körpers.

Compagnia Alias eröffnet am 9. Mai das Festival im Großen Haus mit einem 60-Minuten-Lauf durch die Evolution. "Sideways rain" nennt Guilherme Botelho seine Choreographie, die 14 Tänzerinnen und Tänzer unermüdlich von links nach rechts die Bühne überqueren lässt. Ein endloser, hypnotisierender Menschenstrom, der kriecht, läuft, geht, rollt, fällt und wieder von vorn beginnt zu einer kosmischen Musik, die sich zu wiederkehrenden Bewegungsmustern steigert.

Eine Deutsche Erstaufführung präsentiert die britische Candoco Dance Company am 10. Mai im Komödienhaus: "Looking back" und "Set and Reset/Reset" vereinen eine aktuelle Choreographie von Rachid Ouramdane mit einem Klassiker des Postmodern Dance aus dem Jahr 1983 von Trisha Brown. Das Besondere dabei: Candoco Dance arbeitet seit 20 Jahren mit behinderten und nichtbehinderten professionellen Tänzern. 2008 tanzten sie zur Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking, auch zur Olympiade in London dieses Jahr entsteht eine Arbeit.

Schulprojekt

In Heilbronn werden Mitglieder von Candoco Dance mit hör- und sprachbehinderten Achtklässlern der Lindenparkschule und der Fritz-Ulrich-Werkrealschule ein Tanzprojekt erarbeiten. Für Lehrer aus ganz Baden-Württemberg findet in Kooperation mit der Landesarbeitsgemeinschaft Schultanz ein Workshop statt.

Integrativ arbeiten ist auch der rote Faden, an dem sich Vanilton Lakka am 11. und 12. Mai in den Kammerspielen entlang tanzt: Die Sprache des Körpers ist international und überwindet Grenzen. "Is the body the media of dance?", ist der Körper das Mittel des Tanzes, fragen er und zwei Mitstreiter, die dem Breakdance unerwartete Seiten abgewinnen. Lakka verbindet Elemente des Straßentanzes mit zeitgenössischen Tanzformen zu Tango und mehr und beteiligt die Zuschauer. Am späten 11. Mai erfüllt das Trio Compagnie Retouramont den Nachhimmel mit Fassadenkletterei, eine Choreographie von Fabrice Guillot an Vertikal- und Horizontalseilen, die als "Danse des Cariatides" zwischen Himmel und Erde den Theaterplatz zur Bühne macht.

Am Samstag, 12. Mai, ist das Paradestück der Compagnie Marie Chouinard, mit dem die Kanadier seit 2005 weltweit touren, auch in Heilbronn zu sehen. "Body_Remix/Goldberg_Variations" verfremdet und zerlegt die klassische Ballettsprache und stattet ihre Spitzen-Tänzer mit Stangen, Krücken und Seilen aus. Die latent aggressive, sexualisierte Körpersprache des Filmregisseurs David Cronenberg, ebenso Kanadier, lässt grüßen, wenn die Zwitterwesen aus Mensch, Tier und Maschine die bizarre Perfektion des Köpers ad absurdum führen.

Am 13. Mai schlägt der Choreograph Tchekpo Dan Agbetou aus Bielefeld im Großen Haus den Bogen von der Geburt bis zum Tod. Fünf Tänzer hinterfragen in "Three Levels" das europäische Stereotyp vom afrikanischen Körper.

Die Festivalcard in zwei Preiskategorien sowie Einzelkarten gibt es unter 07131 563001 oder 563050, online unter www.theater- heilbronn.de

Die vielen Möglichkeiten, aufrecht zu gehen
Tchekpo Dance fragt nach den Stereotypen des afrikanischen Körpers. 
Die vielen Möglichkeiten, aufrecht zu gehen
Candoco Dance aus London kommen mit einer Deutschen Erstaufführung. 


termine23besenkalenderverkehrspiele




Archivsuche