Die Macht und ihr Preis

Von Uwe Grosser

Machtbewusstsein, Stolz, Unbeugsamkeit. Vergleicht man heutige Regierungschefs − da muss man nicht nur an Gaddafi oder Assad denken − mit den beiden Königinnen in Friedrich Schillers Drama "Maria Stuart", sind die Unterschiede marginal. Ob Schloss Fotheringhay, wo die Schottin weggesperrt wurde, oder Guantanamo: Wo sind, fragt man nach Menschenrechten und Moral, die Unterschiede?

Solchen Fragen stellt sich auch die "Maria Stuart"-Inszenierung von Alejandro Quintana im Großen Haus des Stadttheaters. Doch nicht vordergründig und plakativ, sondern im Zusammenhang mit der grundsätzlichen Frage nach der Macht und ihrem Preis. Schließlich kommen auch bei Machtmenschen die wichtigen Entscheidungen nicht immer aus dem Kopf, sondern oft aus dem Bauch. Das Premierenpublikum war am Samstagabend begeistert von den fesselnden 165 Minuten und spendete viel Applaus.

Mächtig sind beide Damen, die englische Königin Elisabeth, wie auch ihre Schwester, die schottische Königin Maria Stuart. Nur dass jetzt Elisabeth am Drücker ist, und dabei die schlummernde Macht der Rivalin fürchtet. Die Schottin ist wegen Mordes an ihrem Gatten nach England geflüchtet, Elisabeth ließ sie umgehend wegen Hochverrats einsperren − aus Angst vor Marias Ansprüchen auf den englischen Thron.

Ein Zickenkrieg ist es nicht, was Quintana da auf die Bühne bringt, zumal die beiden Frauen problemlos durch Männer zu ersetzen wären, ohne dass sich an der Tragödie irgendetwas ändern würde. Nur einen feinen Unterschied gibt es: Den beiden Frauen fehlt die Beiläufigkeit, mit der Männer mitunter wichtige Entscheidungen treffen. Hier wird schwer gerungen, mit sich selbst, mit den anderen, und dennoch ist am Ende viel Herz und Bauch im Spiel, viel verletzte Liebe und Wut, doch wenig Hirn.

Kämpferisch Es ist ein subtiles und durchaus auch humorvolles Spiel, das Quintana nach einem behäbigen ersten Aufzug entwickelt: zwei kämpferische Frauen, umgeben von intrigantem männlichen Personal, dessen egoistische Machtspielchen alles noch schlimmer machen.

Es sind heutige Menschen in heutiger Kleidung (Kostüme: Mathias Werner), die auf einer von Lars Betko angenehm reduziert eingerichteten Bühne stehen. Diese Ästhetik der Zurückhaltung, kommt der Textfassung, die Quintana und sein Dramaturg Christian Marten-Molnár aus dem Schiller"schen Monolithen gehauen haben, sehr entgegen. Ungeheuer dicht wirkt die Sprache, und dabei doch beschleunigt − alles bestens zugeschnitten auf die Schauspieler, die in dieser Inszenierung durchweg überzeugen.

Sylvia Bretschneider als Elisabeth und Judith Raab als Maria sind in ihrer Unterschiedlichkeit von bestechender Harmonie. Hier die emotional von der Staatsraison stets gezügelte Elisabeth, da die in verzweifelter Wut explodierende Maria. Beide Rollen sind sehr klug besetzt, wobei Sylvia Bretschneider in ihrer dünnlippigen Gefasstheit, unter der es spürbar brodelt, eine herausragende Leistung zeigt.

In dieser Liga spielt auch Nils Brück als Graf von Leicester: ein opportunistischer Adliger ohne moralische Grundsätze, der jede der beidene heiraten würde, wenn"s dem eigenen Fortkommen dient. Ein feines Gespür für ihre Rollen zeigen auch Till Schmidt, Stefan Eichberg, Kai Windhövel, Raik Singer, Sebastian Weiss und Rolf-Rudolf Lütgens.

Mit der letzten Premiere dieser Spielzeit ist dem Stadttheater ein sehenswerter Schlusspunkt gelungen, der auch für Schulklassen spannendes Theater bietet.

Weitere Vorstellungen sind am 2., 6., 8., 13., 16. und 21. Juli. Karten gibt es unter 07131 563001.



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